BARBARA RITZERT:WISSENSWERTES ZUM BERUF 'PR-SPEZIALIST WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION'

ULRICH SCHELLER:VOM FORSCHER ZUM WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATOR

Barbara Ritzert ist Geschäftsführende Gesellschafterin der ProScientia GmbH für Wissenschaftskommunikation. Sie erhielt mehrfach Publizistikpreise, u.a. für Arbeiten auf dem Gebiet der Gentechnik, Molekularbiologie und Immunologie.

"Deine Diplomarbeit braucht außer Dir, mir und dem Cleffmann aus der Tierphysiologie niemand zu verstehen". Mit diesem Satz beendete mein "Diplomvater" endgültig unsere ständigen Diskussionen beim Zusammenschreiben meiner Abschlussarbeit. Gerade hatte er mehrere knappe Sätze meines Textes zu einem unverständlichen und völlig verschachtelten Bandwurmsatz zusammengehäkelt, der sich als unverdaulicher Wortbrei über eine halbe Schreibmaschinenseite ergoss.

Damals, es war im Jahr 1980, habe ich endgültig beschlossen, dieser als "wissenschaftliche Exaktheit" und "Fachlichkeit" getarnten sprachlichen und kommunikativen Inkompetenz im Elfenbeinturm den Rücken zu kehren. Ich liebte meine Wissenschaft. Ich fand sie ungeheuer spannend und aufregend. Und ich wollte, dass möglichst viele Menschen verstehen, was in den Laboratorien geschieht und - dies vor allem -, ich wollte, dass möglichst viele Menschen erfahren, was Forscher über unsere Welt herausfinden und wie sich komplexe Prozesse in der Natur erklären lassen. Also beschloss ich, Journalistin oder Öffentlichkeitsarbeiterin zu werden. Denn ich hatte bereits während des Studiums für eine örtliche Tageszeitung geschrieben. Und die als Kritik formulierte Aussage der Gutachter meiner Diplomarbeit, dass diese durch "einen feuilletonistischen Stil" geprägt sei, war der deutliche Hinweis, dass ich auf dem richtigen Weg war.

Heute, zwanzig Jahre später, habe ich diesen Entschluss, die Forschung zu verlassen, noch keine Sekunde bereut. Ich bin beides geworden, wobei inzwischen nach langjähriger Tätigkeit im Journalismus meine Arbeit im Bereich der Wissenschaftskommunikation absolut überwiegt. Die Agentur ProScientia GmbH, die ich mit einigen Kollegen zusammen 1990 gegründet habe, ist auf die Wissenschaftskommunikation medizinisch-wissenschaftlicher Fachgesellschaften spezialisiert. Wir organisieren mit einem Mini-Team für diese Fachgesellschaften beispielsweise die Pressearbeit bei Kongressen, produzieren Medien wie Broschüren und seit einem Jahr ein Patienten-Magazin. Wir beraten diese Institutionen in Kommunikationsfragen und fungieren für einige wissenschaftliche Fachgesellschaften als ständige Pressestelle.

Natürlich wird uns die Arbeit vergleichsweise leicht gemacht, denn unsere Themen treffen bei den Medien zumeist auf Interesse: Gesundheit und Medizin sowie der gesamte Bereich der Life-Science einschließlich der ethischen Aspekte haben Konjunktur. Darum haben es Wissenschaftskommunikatoren in diesen Bereichen natürlich leichter als jene, die etwa Festkörperphysik oder ein abstraktes Thema aus den Ingenieurwissenschaften schmackhaft aufbereiten müssen. Gleichwohl: unmöglich ist auch dieses nicht, wenn man realistische Erwartungen hat.

Wer nach einem Studium in diesen Bereichen Fuß fassen will, muß wissen, daß sie/er "auf die andere Seite des Tisches" wechselt. Denn eines steht fest: Der/die Wissenschaftsjournalist(in) oder der/die Öffentlichkeitsarbeiter(in) ist in erster Linie Journalist(in) oder PR-Mensch und eben kein Wissenschaftler, der sich in den Medien publizistisch oder als Kommunikationsprofi betätigt. Dies bedeutet eine radikale Veränderung vieler vertrauter Sichtweisen: Medien beispielsweise haben andere Aufgaben und Funktionen als akademische Institutionen. Und um Wissenschaftskommunikation zu betreiben, ist mehr erforderlich als eine akademische Ausbildung.

Denn diese ist heute - gleich welcher Fachrichtung - fast ausnahmslos die Voraussetzung für eine Tätigkeit im Bereich von Medien und Kommunikation. Doch sie alleine qualifiziert keineswegs für dieses Berufsfeld. Auch wenn man am Ende eines Studiums vielleicht ein kleiner Experte in einem sehr engen Bereich ist, muß man sich doch darüber im Klaren sein, daß man weder schlauer noch besser als andere Laien ist, sobald es in Nachbardisziplinen geht.

Auch andersherum gilt: Fähigkeiten und Eigenschaften, auf die es im Kommunikationsbereich letztendlich ankommt, werden im Rahmen eines normalen Fachstudiums nicht vermittelt und sind in der akademischen Welt oft sogar verpönt. Man muss sie sich mühsam im Job und durch ständige Fortbildung aneignen. Akademische Arroganz des Berufsaspiranten ist daher nicht angebracht. Niemand in diesem Bereich rollt für einen Anfänger einen roten Teppich aus, nur weil dieser ein Studium - ob mit oder ohne Promotion - erfolgreich abgeschlossen hat. Entscheidend sind vielmehr zusätzliche Qualifikationen und Fähigkeiten.

Wichtig ist auch: In diesen Berufsfeldern herrscht - trotz des Booms in der Medien- und Kommunikationsbranche und entsprechender Entwicklungschancen - ein sehr harter Konkurrenzkampf um Aufträge, Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Dies macht das vor allem in Deutschland noch unterentwickelte Feld der Wissenschaftskommunikation nicht zu einer bequemen Ausfahrt von der akademischen Laufbahn mit gesicherten Karrierechancen, sondern eher zu einer oft abenteuerlichen "Off-road-Tour", deren Hindernisse und Umwege ein gerüttelt Maß an Kreativität sowie hohe Leistungs- und Risikobereitschaft verlangen. Wer einen dieser Berufswege nur einschlagen will, weil er im akademischen Feld oder in anderen Bereichen keine beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten sieht, ist hier fehl am Platz.

Eines darf auf keinen Fall verschwiegen werden: Mit PR-Arbeit sind - vor allem im Wissenschaftsbereich - keine Reichtümer zu erwerben. Die Honorare auf diesem Gebiet treiben Kommunikationsprofis aus großen PR-Agenturen bestenfalls Tränen in die Augen. Eine "goldene Nase" habe ich mir darum nicht verdient, aber der Job macht Spaß. Schließlich eröffnet er die Möglichkeit, ein sehr breites, wenn auch nicht tiefes Wissen, auf sehr vielen Gebieten sich aneignen zu dürfen. Ich empfinde es als großes Privileg, immer wieder mit neuen Themen umzugehen und mitunter Bereiche inhaltlich miteinander verknüpfen zu können, die aus der Froschperspektive des Labors kaum zueinander zu passen scheinen.