BARBARA RITZERT:WEGE IN DIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION

Dr. Ulrich Scheller leitet das Gläserne Labor auf dem Biomedizinischen Forschungscampus Berlin-Buch

Tierbeobachtungen, Angeln und Botanikexkursionen haben mich seit frühester Jugend begeistert. Die Möglichkeit jedoch, allein mit Bestimmungsbuch und Fernglas durch die Natur streifend Geld verdienen zu können, war selbst in der DDR ziemlich realitätsfern. Ohne klare Berufsvorstellungen, eher aus Abenteuer- und Reiselust begann ich mein Biochemiestudium in den 80-iger Jahren im ukrainschen Charkow und fand in meiner Diplomzeit in Moskau dann Spaß an der Entwicklung immun-diagnostischer Analyseverfahren, z.B. für HIV-Infektionen. Ich blieb der Proteintechnik und klassischen Biochemie bis zur Promotion 1996 am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) treu.

Mit dem Doktortitel in der Tasche stellte sich nun aber ernsthaft die zuvor so oft verdrängte Frage nach der beruflichen Zukunft. Als Vater zweier Kinder war ich nicht bereit, den karrierefördernden USA-Shunt auf dem Weg zur Professur zu durchlaufen. Ein Durchbruch bei der Strukturaufklärung eines jahrelang gehegten Membranproteins war nicht in Sicht und ausser meinem Betreuer und einiger Spezialisten interessierte sich offensichtlich sonst niemand für Cytochrom-P450-Systeme.

Ausgangspunkt für meine heutige Tätigkeit wurde schließlich die Frage: "Was interessiert eigentlich andere Menschen an der für mich so faszinierenden und zukunftsweisenden Biowissenschaft?" Von diesem Zeitpunkt an war ich mehr in Urania-Vorlesungen als auf wissenschaftlichen Seminaren, und entdeckte für mich die Gen-Welten Ausstellungen Deutscher und Schweizer Museen, die DNA-Schülerlabore bekannter Life-Science Unternehmen und das rollende Genlabor "BioTech-Mobil". Bücher wie "Das Lebensmolekül" [David Suzuki] und "Die Gene der Hoffnung" [Daniel Cohen] fand ich lesenswerter als die bis dahin für mich relevante Fachliteratur.

Im April 1997 las ich dann zufällig einen Aushang in der Bibliothek des MDC: Mitarbeiter für den Aufbau eines "Gläsernen Labors" für die Öffentlichkeit gesucht. Hier sollten Laien die Möglichkeit erhalten, Forschung live zu erleben. Die Entscheidung zur Mitwirkung an diesem Projekt war spontan und emotional. Das meine Eltern beide Lehrer waren, gab mir das nötige Selbstvertrauen, den Sprung in die Wissensvermittlung zu wagen. Heute bin ich Projektleiter des Gläsernen Labors und mitverantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit auf dem Forschungscampus Berlin-Buch.

Zu den aktuellen Projekten im Gläsernen Labor gehören die Vorbereitung von Hands-on-Science Präsentationen im Deutschen Technikmuseum Berlin und der Wissenschaftsschau ScienceFair Berlin. Auch die gemeinsam mit Biotech-Firmen betriebene Entwicklung von Gentechnik-Baukästen für den schulischen Einsatz und die Schulung von Doktoranden zur Koordinierung der EXPO2000-Aktivitäten auf dem Campus Berlin-Buch gehören zu meinen derzeitigen Aufgaben.

Mein Tagesablauf hat sich bei dieser Tätigkeit gegenüber meinem früheren Wissenschaftlerdasein grundlegend geändert. Zwar bin ich täglich noch etwa vier Stunden im Labor, jetzt aber als "Forscher zum Anfassen" in Schülerkursen, Lehrer- und Journalistenfortbildungen und Gentechnik-Workshops für Jedermann. Morgens starten als erstes Kaffeemaschine und Computer: das Lesen und Beantworten der zahlreichen e-mails beginnt. Telefonate führen, Arbeitstreffen abhalten, Besucher empfangen, Führungen durch Ausstellung und Campus organisieren und durchführen prägen die tägliche Routine. Nach Ende des letzten Kurses, also frühestens ab 17.00, beginnt dann die wirklich kreative Phase: jetzt werden Projektanträge formuliert, Sponsoren angeschrieben, Flyer und Internetseiten entworfen, neue Veranstaltungen und Kurse entwickelt oder neue Lehr - und Anschauungsmittel gestaltet werden.

Zwar bin ich in den letzten Jahren nicht unmittelbar am Erkenntnisgewinn durch die Forschung beteiligt gewesen, dafür aber habe ich einen sehr viel größeren Überblick über aktuelle Entwicklungen in den Naturwissenschaften gewonnen. Auch wenn heute Organisatorisches einen grossen Teil meiner täglichen Arbeitzeit in Anspruch nimmt, hat die faszinierende Möglichkeit, gemeinsam mit Menschen der unterschiedlichsten beruflichen Herkunft ein weitgehend neuartiges Konzept zur Wissens- und Wissenschaftsvermittlung erfolgreich umzusetzen, für mich nichts von ihrem Reiz verloren.

Wie wird man denn nun professioneller Wissenschaftskommunikator?

Wissenschaftliche Themen können ein breites Publikum erreichen. Sie müssen dazu allerdings mit einer hohen Professionalität auf interessante und erlebnisreiche Art präsentiert werden. Für den motivierten Einsteiger gibt es viele Wege diesen Grad an Professionalität zu erreichen.

Mittlerweile werden Kommunikationswissenschaften im Aufbaustudium oder Ausbildungsgänge zum Wissenschaftsjournalisten angeboten, z.B. am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der FU Berlin. Kurz- und Langzeitweiterbildungen werden auch von privaten Bildungsträgern wie z.B. dem PR-Kolleg Berlin organisiert, sind dann allerdings nicht ganz billig.

Klare Ausbildungswege für den Quereinsteiger im Bereich Wissenschaftsvermittlung gibt es allerdings nicht. Vieles geht noch durch "Learning-by-doing". Nicht Alles muß dabei völlig neu erfunden werden: für die konzeptionelle Gestaltung und der Aufbau einer kleinen Dauerausstellung zur Gentechnik holte ich beispielsweise professionelle Unterstützung beim Deutschen Hygiene Museum Dresden ein. Auch unser didaktisch ausgefeiltes Kurskonzept wurde aus einer Handvoll klassischer Laborversuche in Zusammenarbeit mit Gymnasiallehrern entwickelt.

Wichtiges Startkapital bringen Wissenschaftler schon aus dem Forschungsbetrieb mit: Analytisch-kritisches Denken, Beharrlichkeit und Leidensfähigkeit. Diese Fähigkeiten helfen bei der täglichen Projektorganisation und lassen die Blessuren der ersten Gehversuche im fremden Terrain schnell verheilen. Hinzu kommen der alltägliche Umgang mit elektronischen Medien und der englischen Sprache als wichtige Voraussetzungen für die Arbeit im Bereich der Wissensvermittlung.

Den Spaß am anschaulichen Vermitteln komplizierter Sachverhalte sollte man ebenfalls mitbringen. Möglichkeiten zum Üben gibt es dann viele: Warum nicht sein Fachwissen auch mal einem anderen Publikum zugänglich machen, z.B. anlässlich einer selbst organisierten Lehrer- oder Journalistenfortbildung oder im Rahmen der Volkshochschulen? Auch das Schreiben von populärwissenschaftlichen Artikeln für das "Laborjournal" oder "Bild der Wissenschaften" schult ungemein die für den Wissenschaftler wenig vertraute Form des bildhaften und leicht verständlichen Beschreibens. Das Programm Public Understanding of Science and Humanities (PUSH/ Science in Dialoge) des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft (www.stifterverband.de) bietet die Chance neben seinen täglichen Laborversuchen auch mal anderweitig zu experimentieren ebenso, wie die Teilnahme an Tagen der offenen Tür in Forschungsinstituten aber auch an Präsentationen wissenschaftlicher Einrichtungen auf Forschungsmessen.

Perspektiven und Betätigungsfelder für Wissenschaftskommunikatoren

Zukünftig müssen Anwendungstrends in der Wissenschaft früher denn je erkannt werden, um dem steigenden Informationsbedarf der Gesellschaft gerecht werden zu können. Forscher aber werden auf Grund der enormen Erkenntnisszuwachses in allen Teilen der Wissenschaften und des zunehmenden Konkurrenzdrucks beim Kampf um die Fördermittel nur eingeschränkt selbst in der Lage sein, die von der Öffentlichkeit eingeforderte Transparenz umsetzen zu können. Diese Funktionen werden nur professionell agierende Institutionen als Vermittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit übernehmen können. Call-Centers zur gezielten Wissensrecherche, Information-Broker und nicht zuletzt die sich dem zunehmend notwendigen lebenslanges Lernen anpassende Erwachsenen Fortbildung lassen neue Berufsbilder entstehen. Der in den nächsten Jahren stark wachsende Bedarf an professionellen Wissenschaftskommunikatoren eröffnet damit aussichtsreiche Einstiegs- und Berufsmöglichkeiten für junge Wissenschaftler.