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Against the background of a globally growing connection between research and economy, Siegfried Englert, managing director of the East Asia Institute at Ludwigshafen School of Business and former CEO of the China division of SAP, a world leading software house, shares with us his inspiring and personal views on cooperation with a different culture.

Wissenschaft und Wirtschaft sollten mehr miteinander reden, so wurde mir seitens des Herausgebers nahegelegt, vor allem angesichts der stetig zunehmenden Globalisierung und der Unternehmensfusionen über nationale Grenzen hinweg. Am Beispiel der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der VR China möchte ich einige persönliche Erfahrungen beitragen, nicht der Globalisierungseuphorie zum Trotz, sondern als Hinweis für eine behutsamere Planung. Hinzu kommt, daß die Betriebswirtschaftslehre im Gegensatz zu den Naturwissenschaften keine exakte Wissenschaft ist, sondern bestenfalls ein gelegentlich fragiles Optimierungsverfahren, der Mangel an Exaktheit bei der Planung betriebswirtschaftlicher Prozesse erschwert die gemeinsame Arbeit von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, ganz abgesehen von dem individuellen Dominanzstreben der global players, der Mitspieler eben.

These 1: Interkulturelles Lernen ist keine Erfindung stellungsloser Geisteswissenschaftler, es gibt in Europa zahllose gewalttätige interkulturelle Konflikte: in Irland, im Baskenland, in Korsika, in Belgien, im ehemaligen Jugoslawien, zwischen Türken und Griechen--zwischen Bayern und Preußen sind sie mittlerweile auf einer gewaltfreien Ebene angelangt. Gemeinsam erworbener Wohlstand mindert die Aggressivität der Auseinandersetzung, wirtschaftliche Schieflagen schüren sie.

These 2: Interkulturelles Lernen wird mit wachsender Fremdheit immer wichtiger, je weniger man auf Erfahrungen und ähnliche Verhaltensweisen aus der eigenen Kultur zurückgreifen kann, desto dringender wird der Schulungsbedarf. Wenn schon die Unterschiede im christlichen Abendland von Norwegen bis zum Mezzogiorno, von Glasgow bis Sevilla auffallen, dann um so mehr die Unterschiede von Berlin zu Peking. Es ist eine Binsenwahrheit, verdient aber dennoch Erwähnung und kann gar nicht oft genug wiederholt werden: interkulturelles Lernen gilt für beide bzw alle Seiten, wenn ein gemeinsamer Unternehmenserfolg angestrebt wird. Da kann eine der beteiligten Kulturen nicht von vorn herein eine peer group leadership für sich in Anspruch nehmen, hier kommt es auf das Vorhaben oder den ins Auge gefassten Markt an: in China--do as the Chinese.

These 3: Interkulturelles Lernen setzt ein differenziertes Wissen um die eigene Kultur und die ihr zugrunde liegenden Werte voraus. Das bedeutet aber auch, daß man weiß, wo sich das Ende der Fahnenstange befindet--wer die Menschenrechte einer fragwürdigen xenophilen Kulturtümelei unterordnet, hat schon verloren. Eine sogenannte liberale Haltung ist häufig Synonym für Gleichgültigkeit, das hat die TAZ schon vor vielen Jahren als Bimbophilie entlarvt und das zu Recht.

These 4: In der Regel werden von deutschen Firmen Mitarbeiter in die VR China entsandt, die zunächst einmal verfügbar sind, verfügbar und geeignet ist nicht dasselbe, das hat sich noch nicht in vielen Personalabteilungen herumgesprochen. Verfügbar für China sind häufig Mitarbeiter mit einem persönlichen Problem wie Karriereknick, Trennung oder Scheidung von der Familie, finanzielle Sorgen etc. Ist der vorgesehene Einsatzort sehr weit von urbanen Zentren entfernt, kommen eh nur noch verfügbare Mitarbeiter in Frage, jetzt helfen eigentlich nur noch Gebete, mit Optimierung hat der ganze Auswahlprozeß nichts mehr zu tun.

These 5: Wer nach China gehen möchte oder gehen soll, braucht vor allem soziale Kompetenz und ein hohes Maß an Sensibilität und Fähigkeit, sich selbstkritischzu hinterfragen. Er sollte seinen ersten Auftritt in China so zelebrieren, wie seinen ersten Besuch bei seinen zukünftigen Schwiegereltern, da will man ja auch mit Blick auf den geliebten Partner, einen möglichst günstigen Eindruck hinterlassen. Sprachkenntnisse erweisen sich gelegentlich als kontraproduktiv, vor allem, wenn es um Qualitätssicherung und Controlling geht, hier versuchen viele Chinesen die Sprachkenntnisse der Ausländer zu nutzen, um Verständnis für niedrigere Anforderungen zu werben

These 6: Zur sozialen Kompetenz und kulturellen Sensibilität tritt das Wissen um die Fettnäpfchen, die jeder Kultur immanent sind. Unterlassen Sie in China alle Witze mit erotischen Anspielungen oder auf Kosten der politischen Führung. Die Chinesen haben zwar auch solche Witze und zwar in Fülle, finden es aber unpassend, Ausländer daran teilhaben zu lassen. Lassen Sie die Witze überhaupt weg, ob etwas witzig ist, entscheidet sowieso immer nur der Zuhörer und nicht der Erzähler.

These 7: Wir im Westen stellen immer die Frage nach der Verantwortung oder Schuld/Mitschuld in den Vordergrund, in China steht die individuelle und kollektive Scham im Mittelpunkt. Wer sich schämt, mag sich weder outen noch ausführlich darüber diskutieren, die Ursachen der Scham liegen eh auf der Hand, wozu also noch intensiv und für alle Betroffene quälend alle Aspekte des Versagens erörtern. Spätestens jetzt erhebt sich der deutsche Biedermann und wirft sich selbstgerecht in die Brust, mit der entsprechenden Gestik und Mimik, alles bereits vorhergesehen zu haben, wie hilfreich das doch ist.

These 8: Deutschland ist in den letzten hundert Jahren durch seine Verrechtlichung ein sachliches Land geworden, das gesetzliche Regelwerk ist wichtiger als die persönlichen oder familiären Beziehungen der Menschen zueinander. China dagegen ist noch ein zutiefst unsachliches Land. Sachlichkeit verursacht direkte und klare, unmißverständliche Sprache, Unsachlichkeit erschöpft sich häufig in höflichen Allgemeinplätzen. Ich mag beides zur gebotenen Zeit.

These 9: wenn in Deutschland von Lebensqualität die Rede ist, die es zu sichern gilt, dann in China bestenfalls von Überlebensqualität. Bei derart veränderten Parametern dürfen wir uns nicht wundern, wenn viele Chinesen nur aufs Geld schauen, egoistisch erscheinen und wenig Gefühl für Humanität zeigen. Dürfen wir uns darüber wirklich wundern oder bersten wir wieder einmal vor Selbstgerechtigkeit?

These 10: Sollten Sie der Auffassung sein, mit diesen neun Thesen nichts anfangen zu können, dann tun Sie der Welt den Gefallen und bleiben zu Hause, doch selbst hier werden Sie noch Nervensäge genug sein.