*The English version of the article.

Andrea Fischer ist Bundestagsabgeordnete der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen. Von Oktober 1998 bis Januar 2001 war sie zudem Bundesministerin für Gesundheit. Für Science's Next Wave beschreibt sie einige Position der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen in der Gentechnikdebatte.

In den letzten Wochen hat sich die Debatte um die Gentechnik fokussiert auf die Frage zur Forschung an embryonalen Stammzellen. Nicht nur die Erfolge in den Wissenschaften haben unsere Diskussion angereichert. Auch zuletzt die Entscheidung des amerikanischen Parlamentes gegen das Klonen von Menschen sind für unsere Debatte zu berücksichtigen.

Dabei geht es im Übrigen nicht darum, die gesamte Forschung oder auch nur gesamte gentechnologische Entwicklung aufzuhalten. Es gibt nicht nur große Erfolge der Lebenswissenschaften, der Gentechnologie und der Biotechnologie, sie wird auch öffentlich umfangreich gefördert. Strittig ist allein ein Bereich, in dem es um Stammzellen geht, die durch den Verbrauch von Embryonen gewonnen werden. Das ist ein relativ kleiner Bereich der gesamten Stammzellenforschung. Auch das möchte ich noch einmal gegenüber denjenigen betonen, die diese Alternative - Heilung oder keine Forschung an Stammzellen - aufmachen, die ich in dieser Entgegensetzung für polemisch halte.

Ich finde, die Debatte zwingt uns auf mindestens drei verschiedenen Ebenen Fragen auf: 1. Auf der Ebene der Forschung: Wieso sollte man ein Verfahren bevorzugen, das erst auf der Ebene des Tierversuches getestet und dort bereits zahlreiche Probleme aufgezeigt hat? 2. Auf der Ebene der Ethik: Darf der Mensch alles das tun, was er tun könnte? Und 3. auf der Ebene der Argumentation: Ist das Argument der Heilung das letztgültige Argument?

Nicht nur, daß wir das Konstrukt einer ?Ethik des Heilens" kritisch hinterfragen müssen, wie ich noch aufzeigen werde, wir alle müssen uns auch mit den Bedenken auseinandersetzen, die innerhalb unserer Gesellschaft gegen die Forschung an embryonalen Stammzellen vorgebracht werden. Es sind nicht nur ?bedenkenträgerische" Politiker/innen, die das Heilen und Helfen angeblich mit ihren gestrigen Moralvorstellungen verhindern wollen. Es sind auch nicht nur die in der Bundesärztekammer zusammengeschlossenen Ärztevertreter, die Kirchen, Ethiker, einige Behindertenverbände. Nein, die grundlegendste Kritik wird derzeit aus den Reihen der Forscher selbst vorgebracht. Denn die Forschungsgemeinschaft ist gar nicht so einhellig entschieden über ihre eigenen Erfolge, wie es in den Medien den Anschein hat.

Bei aller scheinbaren Euphorie ist überhaupt nicht geklärt, wie sich die embryonalen Zellen im Wachstum in einem fremden Gewebe verhalten. In Israel hat man dieser Tage erstmals Herzzellen aus embryonalen Stammzellen gezüchtet. Ungewiß ist, ob diese Herzzellen wirklich Herzzellen bleiben - oder ob sie am Ende nicht zu Metastasen werden. Die Probleme von Gewebeabstoßungen gibt es bei der Verwendung adulter Stammzellen nicht. Gerade die Forschungsergebnisse über adulte Stammzellen berechtigen dagegen zu vielen Hoffnungen. Sowohl in den USA, in Großbritannien und auch in Deutschland gibt es erste Ergebnisse, die darauf schließen, daß adulte Stammzellen denen embryonaler Stammzellen mindestens ebenbürtig sind.

Mir erschließt sich nicht, wieso wir nach Vorlage solch vielversprechender Untersuchungen ein ethisch und wissenschaftlich umstrittenes Verfahren wie die embryonale Stammzellforschung bevorzugen sollten. Unabhängig von den technischen Möglichkeiten müssen wir uns ethisch dazu verhalten, daß wir mit der Verwendung embryonaler Stammzellen menschliches Leben zu fremdnützigen Zwecken verwenden. Es wird dann nicht dabei bleiben, daß die Forscher mit nur einer Stammzelllinie arbeiten. Das hat Prof. Ganten vor einigen Wochen deutlich betont. Der Weg der Gewinnung von embryonalen Stammzellen durch das Klonierungsverfahren bedeutet, daß erstmals menschliches Leben gezielt und eigens zu seiner Vernichtung gezüchtet würde. Daraus erwachsen neue Probleme: Denn für dieses Klonierungsverfahren braucht man Eizellen. Frauen müßten Eizellen spenden, sich einem medizinisch nicht ungefährlichen Procedere unterziehen und das für einen Zweck, der nicht einmal ihnen oder ihrer Gesundheit dient.

Zum Schluß möchte ich auf das Argument eingehen, das den meisten Menschen in der Debatte wichtig ist: Das Argument einer Ethik des Heilens. Gerade schwer erkrankte und viele behinderte Menschen fragen sich und fragen auch uns, ob es moralisch geboten sein kann, umstrittene Verfahren zuzulassen, wenn dadurch Menschenleben gerettet wird? Ich kann nachvollziehen, daß die persönliche Perspektive diese Frage aufwirft. Ich denke aber, daß die eigene Betroffenheit - in welcher Diskussion auch immer - eine Perspektive ist, die nicht verallgemeinerbar ist und allein deswegen nicht in ethische Kategorien gefaßt werden kann. Das heißt nicht, daß Fragen und Hoffnungen aus diesem Grund nicht gestellt werden dürfen. Einzig: Die Wissenschaft kann die Hoffnungen, die sie derzeit nahezu wöchentlich weckt, selbst überhaupt nicht einhalten. Das ist das entscheidende. Die Politik, die kritische Fragen stellt, hat überhaupt keinen Anlaß, Menschen Hilfe zu verweigern. Das wäre eine gänzlich absurde Vorstellung. Aber Aufgabe der Politik muß es sein, allgemeingültige Regeln für unser Zusammenleben zu finden, Kompromisse und Wege zu suchen, mit denen wir alle umgehen können. Das ist uns beim § 218 vorbildlich gelungen, was, wie ich finde, die momentane Debatte deutlich gezeigt hat. Allgemeingültige Regeln zu finden, kann manchmal auch bedeuten, Menschen auf unrealistische Heilsversprechen von Forscherseite hinzuweisen, vielleicht manchmal auch, Menschen vor zu viel medizinischen Eingriffen zu schützen. Das wird sogar zwingend, wenn es darum geht, das Leben Dritter mit der Absicht zu erzeugen und zu vernichten, einem anderen Menschen Wohlergehen zu sichern. Würden wir diesen Grundsatz verlassen, würden wir unser Menschenbild und einen breiten gesellschaftlichen Konsens aufkündigen. Das Problem, das wir haben, besteht darin, daß wir uns - wie in der Forschung sonst üblich - nicht mehr mit abstrakten Modellen beschäftigen können. Der kleinste Bereich gentechnischer Forschung berührt den für uns alle Greifbarsten, denn es geht um nichts weniger als den Menschen in seinem Selbstverständnis.

Selbst wenn wir die Prämisse Heilen akzeptieren, haben wir damit keinen letztgültigen Maßstab gefunden, um unsere ethischen Entscheidungen zu treffen. Aber wenn wir den Schritt gehen, erstmals menschliches Leben zu fremden Zwecken zu nutzen, werden wir auch nur schwerlich Maßstäbe finden können, hier Beschränkungen einzuführen. Was uns die Debatte heute zeigt, ist doch, daß jeder neue Schritt, der als der letzte deklariert wurde, nach hinreichender Gewöhnung zur Legitimation des nächsten Schrittes mutierte. Wir haben es hier gerade nicht mit Dammbrüchen zu tun, sondern mit einer allmählichen Verschiebung des Deiches, bis er im Meer aufgeht.

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