* Dr. Peter Eckardt, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, legt für Next Wave - Leser die Argumente für die Reform des deutschen Hochschulwesens dar.

Die Tradition europäischer und deutscher Hochschulen ist von wissenschaftlicher Freiheit geprägt, die sich zwar nicht immer, aber meist gegen Bevormundungen durch Obrigkeit und Kirchen erfolgreich zur Wehr gesetzt hat. Zur Tradition europäischer Universitäten gehören aber auch innere und äußere Reformen ihrer Organisation und ein möglichst eigenständiger Prozeß der Selbstreflexion, der sich auf Forschung und Lehre befruchtend und erfolgreich auswirkt. Auf diesem Gebiet sind die Erfolge nicht so zahlreich, aber auch durchaus erkennbar.

Wissenschaftspolitisch besteht international über die Funktion von Hochschulen weitgehend Einigkeit. Erst Reformen als ständiger Prozeß der inhaltlichen und organisatorischen Erneuerung ermöglichen den Hochschulen Innovationen und wissenschaftliche Antworten auf Herausforderungen der Gesellschaft und der Welt. Ohne diese ständige "Anpassung" an gesellschaftliche und politische Entwicklungen und eigene ?Antworten" auf gesellschaftliche Probleme hätten Hochschulen weder Bestand noch ihre herausgehobene gesellschaftliche Berechtigung.

Ende des vergangenen Jahrhunderts hat sich innerhalb von zwei Jahrzehnten langsam, aber im Ergebnis doch fast revolutionär die Welt der akademischen Einrichtungen und ihre gesellschaftliche und politische Funktion dramatisch verändert - eine Veränderung, wie sie seit der Aufklärung vor mehr als 200 Jahren nicht mehr stattgefunden hat.

Zusammengefaßt können diese Veränderungen so beschrieben werden:

- Wissenschaft und Forschung stehen im 21. Jahrhundert in einem internationalen Wettbewerb wie nie zuvor seit Ihrer Gründung

- Der internationale wissenschaftliche Wettbewerb ist ein Wettbewerb um die wissenschaftlichen Arbeitskräfte, die Sprache der Wissenschaft, die Studienbewerber, die besonders qualifizierten Absolventen und die Vermarktung wissenschaftlicher Ergebnisse

- Kommunikations- und Informationstechnologien haben die Methoden wissenschaftlicher Forschung und die Präsentation der Lehre qualitativ wie nie zuvor verändert.

- Standortvorteile für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für Bewerberinnen und Bewerber hat eine Hochschule nur noch durch ihre Qualität und Effizienz

- Akademischer Wettbewerb unter den Hochschulen selbst und innerhalb der Hochschulen motiviert heute vermutlich zur Leistungssteigerung mehr als Privilegien und Traditionen

- Internationale Leistungsstandards und akademische Abschlüsse müssen aus Wettbewerbsgründen international vergleichbar sein

- Die finanzielle Ausstattung der Hochschulen in Deutschland und ihr Finanzmanagement müssen sich verbessern.

Damit kein Missverständnis aufkommt:

Einige dieser Entwicklungen sind in Deutschland erkannt worden und auf sie wurde - wenn auch zögerlich - schon reagiert.

Auch ein zweites Missverständnis darf nicht aufkommen:

Die deutschen Universitäten und Fachhochschulen hinken trotz internationaler Defizite im Jahre 2001 der Entwicklung in der Welt nicht meilenweit hinterher.

Aber: Die Augen dürfen nicht vor den Mängeln und den drohenden Entwicklungen im Wissenschaftsbereich verschlossen bleiben. Denn: ?harte" soziale Fakten, deren Entwicklung gebremst und wenn möglich zurückgedreht werden müssen, bleiben bestehen und bedürfen der politischen Lösung.

Die Zahl der Professoren und Studierenden, die ins Ausland abwandern und nicht wieder nach Deutschland zurückkehren, ist höher als die Zahl derer, die als Ausländer nach Deutschland kommen, um hier zu lehren oder zu studieren. In der internationalen Vermarktung wissenschaftlicher Ergebnisse hat Deutschland einen Nachholbedarf, der für die Wirtschaft, den Wohlstand und die Kultur unseres Landes erhebliche Bedeutung hat.

Auf diese Veränderungen von Wissenschaft und Forschung haben Politik, Gesellschaft und die Hochschulen selbst besonders in Deutschland, aber nicht nur in diesem Land, in den letzten 20 Jahren zu spät oder überhaupt nicht reagiert.

Die SPD-Bundesregierung mit der neuen Bildungsministerin Edelgard Bulmahn hat sich seit 1998 diesen Defiziten im Wissenschafts- und Forschungsbereich gestellt und Reformvorschläge unterbreitet. Ein wichtiger Reformvorschlag ist die Änderung des Dienstrechts an den Hochschulen und die Einführung einer Juniorprofessur an den Universitäten. Die Reform wird eine wissenschaftspolitische Dynamik entwickeln und folgende Kernpunkte haben:

- Einführung einer Juniorprofessor ohne Habilitation

- Umfassende Qualifikationsbeurteilung bei der Berufung

- Leistungsbezogene und funktionsbezogene flexible Besoldung

- Karrierechancen ohne Hausberufungsverbot

- Gleichstellung der Fachhochschulen und Universitäten in der Besoldungssystematik

Diese Reformen werden die internationalen Chancen der deutschen Hochschulen und die beruflichen Chancen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Studierenden und der Absolventinnen und Absolventen im 21. Jahrhundert erheblich verbessern.