Als Gewinnerin des Next Wave-Wettbewerbs ist Inken K. Rebentrost Anfang Dezember zum Kongreß ?Women in the Life Sciences" in Stockholm gereist. Als ?Gegenleistung" dafür hat sie für die daheimgebliebenen LeserInnen von Next Wave eine Reportage von der Veranstaltung und über die Situation der Frauen in Wissenschaft und Forschung geschrieben. Nach dem Studium der Biologie promoviert Inken K. Rebentrost derzeit an der Universität Regensburg am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte zum Thema ?Biological and biotechnological knowledge as product and scientific tool."

"Women in the Live Sciences - Tools for Successful Research Careers" lautete das Thema eines europäischen Kongresses, der am 3./4. Dezember in Stockholm stattfand. Rund 160 Wissenschaftlerinnen aus über 20 Ländern waren der Einladung des renommierten Karolinska Institutet nach Schweden gefolgt, um Tips und Tricks für eine erfolgreiche Karriere zu bekommen und um gemeinsam neue Strategien zu erarbeiten.

?In meinem Institut gibt es zwei Frauen: mich und eine Sekretärin", berichtet Monika Aggarwal von der Universität Uppsala/Schweden und stellt damit keineswegs einen Einzelfall dar. Betrachtet man die Zahl der Akademikerinnen genauer, so ist in ganz Europa derselbe Trend zu beobachten. Je höher die Position, desto weniger Stellen sind von Frauen besetzt. Dabei ist rund die Hälfte der Studienanfänger weiblich und auch das Diplom erhalten etwa gleich viele Frauen wie Männer. Bei der Promotion gehen die Zahlen schon auseinander, noch drastischer sieht die Entwicklung bei den Post-Docs aus. Hier beläuft sich der Frauenanteil nur noch auf etwa 30 Prozent. Die Spitze der Karriereleiter erreichen EU-weit schließlich nur magere 10 Prozent. Deutschland belegt dabei mit sechs Prozent Frauen bei den C4-Professuren unter zwanzig europäischen Ländern den erschreckenden 17. Platz.

Doch woran liegt es, daß gerade in den Naturwissenschaften so viele Frauen ihre Karriere aufgeben? Zwei Punkte spielen hier eine entscheidende Rolle. Zum einen die Unvereinbarkeit von Kindern und Karriere, zum anderen die tatsächliche Benachteiligung der Frauen. Wer glaubt, die Gleichberechtigung hätte sich in der modernen westlichen Welt längst durchgesetzt, irrt sich gewaltig. Aktuelle Untersuchungen beweisen, daß beispielsweise bei der Beantragung von Stipendien die Erfolgsquote der Frauen niedriger ist als die der Männer. Außerdem erhalten sie im Schnitt weniger Geld, bekommen weniger Laborfläche mit schlechterer Ausstattung und werden zudem mit einer höheren Lehrverpflichtung belastet. Die Folge der schlechteren Forschungsbedingungen sind nicht selten weniger Publikationen. Die aber sind entscheidend für die Leistungsbewertung der Wissenschaftlerin und damit wiederum für die Finanzierung neuer Projekte. Doch dem nicht genug: Selbst bei völlig identischer Ausgangsbasis bezüglich Alter, Ausbildung und Abschlüssen wird die Leistung der Frauen niedriger als die ihrer Kollegen eingestuft. Erfolg in der Wissenschaft wird einer Umfrage zufolge bei Frauen mit ?Anstrengung" oder sogar ?Glück" begründet, Mißerfolg mit ?Inkompetenz." Männer hingegen hatten bei Fehlschlägen einfach ?Pech", ihr Erfolg beruht auf ?Können" und ?fachlicher Kompetenz." Daß solche Bewertungen von meist ausschließlich mit Männern besetzten Gremien stammen, muß wohl nicht erwähnt werden.

Das zweite große Hindernis beim Erklettern der Karriereleiter sind Familie und Kinder. Gerade in Deutschland ist es praktisch unmöglich, daß beide Elternteile ganztags arbeiten. Kinderbetreuung ist schwer zu finden und kaum zu finanzieren. Wer's dennoch versucht, hält der Doppelbelastung oft nicht lange stand. Mehr Glück hatte da Susanne Berger. Die 38-Jährige ist Mutter von zwei kleinen Töchtern und arbeitet dennoch Vollzeit am Institut für Pflanzenbiochemie in Halle an der Saale. Um Haushalt und Nachwuchs kümmert sich seit über fünf Jahren ihr Mann, der dafür seinen Beruf an den Nagel gehängt hat. Doch solange hierzulande Hausmänner noch belächelt werden und Frauen zudem in gleichen Positionen oft weniger verdienen als Männer, wird das die Ausnahme bleiben.

Doch wer etwas ändern will, sollte zuallererst bei sich selbst anfangen. Denn es ist leider so, daß Frauen weniger risikobereit sind und lange nicht so energisch ihr Ziel verfolgen wie ihre Kollegen. Zudem trauen sie sich weniger zu. Nur etwa 10 Prozent der Förderungsanträge, die jährlich bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingehen, sind von Frauen. ?Eine alarmierende Zahl", meint Silke Willems von der DFG, die im Jahr 2000 rund 1,4 Milliarden Mark in die Grundlagenforschung im Bereich Naturwissenschaften und Medizin investiert hat. ?Wir wollen die besten Wissenschaftler fördern", so Willems, ?und ein Großteil davon sind nun mal Frauen. Dieses Potential sollte auf jeden Fall ausgeschöpft werden."

Um das zu erreichen, wurden auf dem Kongreß viele Tips und Tricks verraten. Das ging von der Erstellung eines gut durchdachten und sorgfältig ausgearbeiteten 5-Jahres-Plans für die individuelle Karriere, über Tips zur richtigen Ausarbeitung und Darstellung von Anträgen und Präsentationen bis hin zur Vorgehensweise beim Ausgründen einer Biotech-Firma. Verschiedene nationale und EU-weite Programme und Projekte wurden vorgestellt, welche sich speziell die Unterstützung von Frauen in den Naturwissenschaften zum Ziel gesetzt haben. AnsprechpartnerInnen stellten sich vor, Finanzierungsmöglichkeiten wurden erörtert. Wirklich wichtig für einen erfolgreichen Berufsweg ist ein frühzeitiger Aufbau verschiedener Netzwerke in privaten, beruflichen und vor allem auch in fachübergreifenden Bereichen. Wer viele Leute kennt, bekommt viele wichtige Informationen, die im harten Kampf um die Spitzenpositionen überlebensnotwendig sind. Gegenseitige Unterstützung hat zudem letztlich für alle Beteiligten Vorteile. Und am Beispiel anderer Frauen, lassen sich oft eigene Karrierestrategien entwickeln.

Grundsätzlich aber gilt, daß zunächst die Benachteiligung von Frauen deutlich gemacht und die Gesellschaft, besonders der männliche Teil, für das Problem sensibilisiert werden muß. Nur so kann man ein Umfeld mit optimalen Bedingungen für Gleichberechtigung schaffen. Gleichheit bedeutet dabei aber keineswegs Gleich-Sein. Im Gegenteil: die Vielseitigkeit, die sich aus den Unterschieden von männlichen bzw. weiblichen Denk- und Arbeitsweisen ergeben, sollten genutzt werden, um möglichst effektiv zu sein. Insbesondere in Deutschland muß der Staat zudem die soziale Infrastruktur ausbauen, um mehr Mütter zur Karriere zu ermutigen. Frauen in Spitzenpositionen müssen ein alltägliches, selbstverständliches Bild werden, auch wegen ihrer Vorbildfunktion für junge Wissenschaftlerinnen. Daß das funktioniert, haben verschiedene europäische Länder, wie beispielsweise Schweden oder Frankreich, schon bewiesen.

?Meine Erwartungen haben sich erfüllt", berichtet Gabrielle Sher, Doktorandin am Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg. Mit 28 gehört die Kanadierin zu den jüngsten Teilnehmerinnen des Kongresses. ?Ich wollte ein paar konkrete Tips für meine Karriere bekommen und neue Kontakte knüpfen. Vor allem aber haben mich diese zwei Tage motiviert und mir Mut gemacht, meine wissenschaftliche Karriere weiter zu verfolgen," so Sher.

Insgesamt war die Resonanz auf die vom ?Karolinska Institutet" hervorragend organisierte Tagung sehr gut, VeranstalterInnen und Teilnehmerinnen zeigten sich zufrieden. Und weil Frauen von Natur aus meist sehr gesprächig sind, wurde der Punkt ?Netzwerke schaffen und ausbauen" gleich direkt vor Ort in die Tat umgesetzt. Ein Glück, daß die schwedischen Winternächte so lang sind!