Wer auch immer diese roten Sitzgelegenheiten entworfen hat, hat mit Sicherheit nie darauf gesessen. Zumindest nicht länger als drei Minuten. Sie erinnern stark an das, was in manchem norddeutschen Bauernhaus noch vorzufinden ist und als ?Donnerbalken" bezeichnet wird. Trotzdem -- das Forum ist gut gefüllt. Wahrscheinlich in der Hoffnung, daß weder Aussehen noch Bequemlichkeit der Sessel Rückschlüsse auf den Diskussionsverlauf zulassen.

Ansonsten ist alles irgendwie ein bißchen futuristisch -- der ?Future Park" hat zum ?Future Talk" geladen -- über die ?Zukunft der IT-Forschung." Aber das ist Programm.

Wir befinden uns schließlich auf der CeBIT, dem bisher immer erfolgsverwöhnten Präsentierteller der Computerbranche. Hier wird die Zukunft gemacht. Zum ersten Mal dieses Jahr aber mit rückläufigen Aussteller- und Besucherzahlen. Vielleicht ist deshalb die Zukunft der Branche das Thema.

Diejenigen, die über die Zukunft reden sollen, sind fast alle deutlich über 40 oder sehen zumindest so aus. Dafür sind sie aber mehr oder weniger prominent oder erfolgreich. Vielleicht ein gutes Spiegelbild des Images der deutschen Forschungslandschaft -- großer Erfahrungsschatz, aber alles etwas angegraut. Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn wirkt frisch, ist aber die einzige Frau in einer sonst von Männern dominierten Runde. Auch das spiegelt Authentizität wider -- nicht nur für den Bereich der IT-Forschung, aber für den vielleicht besonders. Im Publikum finden sich ein paar jüngere Vertreter, aber auch hier sind's eher Männer. Das schlipstragende Standpersonal mit Namenschild dominiert. CeBIT eben.


Bevor sich hier überhaupt für die nächsten eineinhalb Stunden eine lebhafte Diskussion entwickeln kann, wird natürlich erst einmal die obligatorische Warmlaufphase mit einem Austausch gegenseitiger Nettigkeiten vorweggeschaltet. Die Ministerin sei brav und mache dem Kanzler nur Freude, beginnt der Moderator. Bei gründlicher Vorbereitung wäre dieses pauschale Urteil vielleicht etwas differenzierter ausgefallen, aber das ist jetzt nicht so wichtig. Und natürlich hat sich das Existenzgründerklima in Deutschland in den letzten Jahren stark verbessert, wie die Runde unisono betont.

Doch diese Phase ist nach kurzer Zeit vorbei. Das Podium widmet sich den unterschiedlichsten Themen. Statt des zuerst befürchteten Abdriftens in die Belanglosigkeit entwickelt sich vielmehr eine muntere Gesprächsrunde, der aber mitunter nicht immer leicht zu folgen ist. Bis zu dieser Veranstaltung waren wahrscheinlich auch nur einer sehr geringen Anzahl von Menschen die Zusammenhänge zwischen Forschung, Dienstrechtsreform und guten Gebrauchsanweisungen geläufig. Dies ist der Moment der Ministerin: ?Das neue Hochschulrahmengesetz will Veränderungen schaffen, um unternehmerische Bestandteile einzuführen. Es müssen endlich Rahmenbedingungen geschaffen werden, die gute Leistungen im System anerkennen." Das Nutzen von Forschungsergebnissen sei ein ureigenes Anliegen des BMBF, und der Königsweg dazu sei die Existenzgründung, so die Ministerin.

Und weil sie eigentlich gar nicht so brav ist, wie sie erscheinen mag, begründet sie die Reformvorhaben ihres Ministeriums, verteidigt sie gegen Kritik. Obwohl die in dieser Versammlung kaum zu hören ist. Allenfalls Kleinigkeiten werden bemängelt. Fraunhofer-Gesellschafts-Präsident Hans-Jürgen Warnecke unterstützt die Ministerin, die Reformansätze gingen in die richtige Richtung. Langsam wird das Bild klarer. Forschung, Existenzgründung und Dienstrechtsreform -- es hängt doch alles zusammen.

Insgesamt herrscht bei den Teilnehmern Einigkeit über die Stärken und Schwächen deutscher Forschung und deutscher Unternehmerkultur. Das deutsche Hochschulsystem ein Sanierungsfall, Nachwuchsmangel vorherrschend in vielen Disziplinen. Zu wenig Patente und Ausgründungen aus den Hochschulen, zu wenige risikofreudige Professoren. Außerdem zu wenig intelligent eingesetztes Venture-Kapital und zu guter letzt -- vor allem bei der internationalen Markteinführung neuer IT-Produkte -- Defizite beim Marketing. Die Diskussion bleibt schließlich an der Frage hängen, wie sich die gemeinhin bekannten Probleme lösen lassen.

Es wirkt in gewisser Weise beruhigend, daß keiner der analysestarken Diskutanten eine Patentlösung aus dem Jackettärmel schütteln kann. Deregulierung des Bildungssystems, kürzere Ausbildungszeiten, mehr Einfluß für die Wirtschaft bei der Ausbildung, weitere Verbesserung der Existenzgründer-Förderprogramme. Der große Wurf ist das noch nicht.

Die Deutschen seien gut im Fehleranalysieren, sagt Felix Frohn-Bernau, Vorstandschef des Internet-Unternehmens dooyoo AG. Seiner Meinung nach wäre es endlich einmal an der Zeit, Erfolge zu analysieren. Denn schließlich gäbe es davon eine Menge: immerhin 80 Prozent der Unternehmensausgründungen seien erfolgreich. Zustimmendes Nicken im Publikum. Vielleicht hat der Mann recht. Vielleicht wäre es notwendig, nach so viel Fehleranalyse in Hochschulen, Wirtschaft und Politik einmal wirkliche Reformen folgen zu lassen. Reformen, sagt Hans-Jürgen Warnecke, brauchen neues Denken. Vielleicht sollte man bis zur nächsten Veranstaltung die Stühle nicht nur nachbessern, sondern einfach ganz austauschen.