Der Ministerrat der Europäischen Union hätte seinen Zeitplan nicht besser gestalten können: Am Montag, den 3. Juni wurde das 6. Forschungsrahmenprogramm endgültig gebilligt -- drei Tage vor der 14. Bundestagung ?Perspektiven im 6. Rahmenprogramm" der deutschen Koordinierungsstelle EG der Wissenschaftsorganisationen (KoWi) in Münster. Somit war diese Tagung für über 260 interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft die erste Gelegenheit nach der Verabschiedung des Rahmenprogramms überhaupt, über das Rahmenprogramm sowie die damit verbundenen Erwartungen und offenen Fragen zu diskutieren. Zahlreiche Forschungsreferenten aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungszentren, Vertreter von Wissenschaftsorganisationen und Akteure aus Brüssel nutzten die Veranstaltung als Plattform und machten regen Gebrauch von der Möglichkeit, sich zu informieren, neue Kontakte zu knüpfen oder das Rahmenprogramm lebhaft zu diskutieren.

Das 6. EU-Forschungsrahmenprogramm (6. RP) mit einem Gesamtbudget von ? 17,5 Milliarden ist das wichtigste Instrument zur Realisierung des angestrebten gemeinsamen Europäischen Forschungsraumes (European Research Area -- ERA). In diesem Zusammenhang werteten KoWi-Leiter Dr. Martin Grabert und Hartmut Krebs, Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Bildungsministerium das neue Rahmenprogramm als wichtigen Beitrag zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit und der Forschungsförderung. Ziel des neuen Programms ist eine stärkere Bündelung in der europäischen Forschungslandschaft.

Dieser Strukturwandel soll unter anderem durch eine stärkere Konzentration der Mittel auf eine begrenzte Zahl von Themenbereichen sowie den Einsatz neuer Förderinstrumente erreicht werden. Das Rahmenprogramm legt sieben thematische Prioritäten fest (s. Kasten). Für die Förderung junger Wissenschaftler, z.B. durch Marie-Curie-Stipendien, stehen übergreifend Gesamtmittel im Umfang von ? 1,7 Milliarden zur Verfügung. Auch die Länder mit Status der Beitrittskandidaten werden stärker als bisher und erstmals als gleichwertige Partner an gemeinsamen Projekten im Europäischen Forschungsraum beteiligt. Das Gesamtbudget des 6. Forschungsrahmenprogramms liegt um ? 2,5 Milliarden höher als beim Vorgängerprogramm.

Die Grundhaltung zum 6. RP sei grundlegend positiv, betonte Dr. Bernhard Rami vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ( BMBF), in seinem Vortrag: ?Die deutsche Beteiligung an den Forschungsrahmenprogrammen der EU hat sich in den letzten Jahren positiv entwickelt. Insgesamt macht die EU-Förderung ca. 5% der Forschungsaufwendungen in Deutschland aus, in einigen Themenfeldern aber ist es signifikant mehr, manchmal bis zu 40 oder 50%." Gleichzeitig aber stelle das Rahmenprogramm aber auch neue Anforderungen an die Wissenschaften: ?Die neuen Förderinstrumente ?Integrierte Projekte" und ?Exellenz-Netzwerke" sind von Struktur und Größe wesentlich anspruchsvoller als bisher. Die Managementanforderungen steigen." Eine Ansicht, die auch Professor Bruno Moerschbacher vom Institut für Biochemie und Biotechnologie der Pflanzen an der Universität Münster teilt. Moerschbacher koordiniert derzeit ein europäisches Forschungsprojekt zur Verwendung von aus Krabbenschalen gewonnenem Chitosan zum Pflanzenschutz, das im 5. Rahmenprogramm durch die EU gefördert wird. ?Der neue Charakter der Förderstrukturen setzt voraus, daß in größeren Verbünden geforscht wird. Ist wird daher also schwieriger, an Fördemittel zu kommen, wenn man entsprechende Strukturen nicht rechtzeitig vorantreibt."

Thematische Prioritäten des 6. EU-Forschungsrahmenprogrammes

  • Genomik und Biotechnologie im Dienste der Medizin

  • Technologie für die Informationsgesellschaft

  • Nanotechnologien, Materialien, neue Produktionsverfahren

  • Luft- und Raumfahrt

  • Lebensmittelsicherheit und -qualität

  • Nachhaltige Entwicklung, globale Veränderungen und Ökosysteme

  • Bürger und modernes Regieren in der Wissensgesellschaft

Querschnittsthema: Ausgestaltung des Europäischen Forschungsraumes

Weitere Informationen: KoWi

Rami hob hervor, daß in Deutschland Anreize geschaffen werden müßten, um den Zugriff auf europäische Fördertöpfe weiter zu verbessern: ?Die Neustrukturierung der Helmholtz-Gemeinschaft war ein wichtiger Schritt." Letztendlich seien aber nicht nur alle Großfoschungseinrichtungen (neben Helmholtz noch die Fraunhofer-Gesellschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und die Leibniz-Gemeinschaft), sondern auch die Hochschulen aufgefordert, entsprechend tätig zu werden. Das BMBF werde zusammen mit den Projektträgern und den Nationalen Kontaktstellen Unterstützung leisten, so Rami.

Die im 6. RP vorgesehenen Instrumente stoßen indes nicht nur auf Zustimmung. Nach Auffassung einiger Teilnehmer der Veranstaltung ist die Umstrukturierung der Helmholtz-Gemeinschaft ein Indiz dafür, daß die Forschungspolitik der Kommission einseitig die Stellung von Großforschungszentren begünstigt.

Auch die Situation junger Wissenschaftler, insbesondere die Verbesserung der Mobilität, spielt eine wichtige Rolle im 6. Rahmenprogramm. Er begrüßte das von der EU geplante Internet-Portal für Mobilität, sagte BMBF-Vertreter Rami. ?In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Bereitstellung von nationalen Informationen zu verbessern." Gleichzeitig sei es von Bedeutung, die Betreuung der Wissenschaftler auszubauen und Rückkehranreize für europäische Forscher aus dem Ausland -- analog zum Emmy-Noether-Programm der DFG -- zu schaffen. Auch die Rekrutierung ausländischer Studierender und Stipendiaten müsse eine hohe Bedeutung einnehmen.

Erste Schritte auf nationaler Ebene seien bereits erfolgt, unterstrich Rami. ?Die Studiengänge und Abschlüsse werden zunehmend internationalisiert, die Rahmengesetze für Juniorprofessuren und die Besoldungsreform sind eine zweite wichtige Grundlage."

Die deutsche Auftaktveranstaltung zum Start des 6. Forschungsrahmenprogramms findet am 3. und 4. Februar 2003 in Hannover statt. Um die Mobilität deutscher Wissenschaftler insbesondere in die Beitrittskandidatenländer zu erhöhen, zeichnet sich bereits jetzt eine Neuerung ab: Diese Woche startet das BMBF in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst ( DAAD) die Initiative ?Go East." Next Wave wird nächste Woche an dieser Stelle ausführlich über diese neue Initiative berichten.