"Ist das nicht fürchterlich langweilig?", fragen ehemalige Kolleginnen und Kollegen gelegentlich, seit Rosita Cottone ihren Laborkittel endgültig gegen einen Schreibtisch in Bonn eingetauscht hat. "Auf keinen Fall", versichert sie. "Biotechnologie ist ein unheimlich dynamisches und spannendes Feld, so daß meine Aufgaben sehr vielseitig sind." Die Zuständigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den beiden Biotechnologie-Referaten des BMBF sind genau verteilt. So ist die promovierte Biologin für die BMBF-Förderaktivitäten Nanobiotechnologie, Tissue Engineering, TSE-Diagnostik und Systembiologie, aber auch für das KMU-Förderprogramm BioChance sowie die wissenschaftliche Kooperation mit China im Bereich Biotechnologie zuständig.

Die erste Frage liegt auf der Hand: Wie wird man überhaupt Forschungsreferentin? "Es gibt zwei typische Wege, ins Ministerium zu kommen. Der klassische Weg führt über die BMBF- Stellenausschreibungen. Es ist aber auch möglich, erste Erfahrungen bei einem der sogenannten Projektträger, z.B. beim PTJ oder der DLR, zu sammeln. Wenn das BMBF Bedarf an Referenten hat, greift es z.T. auf diese Mitarbeiter zurück. Diese jungen Kollegen können sich dann für zwei Jahre als Referent im BMBF verdient machen. Diese Verfahrensweise hat zum Vorteil, daß solches Personal bereits über das notwendige "Know-how" für die Arbeit im Ministerium verfügt", erzählt Cottone.

Grundvoraussetzung für die Referententätigkeit ist natürlich eine fachlich einschlägige Qualifikation. Rosita Cottone hat Biologie in Tübingen mit den Studienschwerpunkten Mikrobiologie, Biochemie und Genetik studiert. Ihre Diplomarbeit über Pockenviren schrieb sie an der Tübinger Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere ( BFAV). "Auch wenn die Hochsicherheitstrakte zu Beginn gewöhnungsbedürftig waren, die Arbeit war dort sehr interessant" -- so interessant, daß die junge Wissenschaftlerin nach dem Diplom gleich bei der BFAV blieb. Anfang 2000 schloß sie ihre Arbeit, die auch einen Forschungsaufenthalt am Moredun Research Institute Edinburgh beinhaltete, über "Pathogenitätsmechanismen von Parapockenviren" ab.

Warum aber wechselt eine talentierte Nachwuchswissenschaftlerin, die mit "viel Leidenschaft und Herzblut" bei der Sache war, aus der Forschung in das Wissenschaftsmanagement? "Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man sich zu fragen beginnt, wie es denn weitergehen soll. Zwei-Jahresverträge sind auf Dauer keine berufliche Perspektive. Außerdem erschien mir in der Grundlagenforschung die Möglichkeit, den Blick über den Tellerrand zu werfen, eingeschränkt zu sein. Deshalb habe ich angefangen, mich umzusehen, welche Alternativen sich für eine Biologin außerhalb des Labors eröffnen. Und habe viel gefunden: neben Postdoc-Stellen in der Pharmaindustrie boten sich Perspektiven in Start-Up-Unternehmen, in der Öffentlichkeitsarbeit und in Consulting-Agenturen an." Selbst vor einem Assessment Center-Verfahren scheute Cottone nicht zurück.

Letztendlich entschied sie sich für die Öffentlichkeitsarbeit -- beim Informationssekretariat Biotechnologie der DECHEMA in Frankfurt am Main. Eine anspruchsvolle Aufgabe in vielerlei Hinsicht: "Die Öffentlichkeit über Chancen und Risiken der Biotechnologie zu informieren, ist spannend und schwierig zugleich." Beim ISB arbeitete Rosita Cottone auch dem zuständigen BMBF-Referat zu. Durch diese Kontakte hatte sie die Gelegenheit, in die Arbeit des BMBF hineinzuschnuppern und fand Interesse. Als im Frühjahr 2001 eine Referentenstelle frei wurde, ergriff sie ihre Chance und bewarb sich erfolgreich.

Wie sieht der Alltag einer Referentin aus? Neben dem Tagesgeschäft, das im wesentlichen die Bearbeitung hausinterner Vorgänge oder Anfragen aus Politik und Gesellschaft beinhaltet, nimmt die Betreuung der einzelnen Förderthemen die meiste Zeit in Anspruch. Die Lektüre von Fachpublikationen und eine aktive Kommunikation mit der Außenwelt, z.B. durch den Besuch von Fachtagungen und der Veranstaltung von Expertenrunden und Workshops, sind wichtig, um aktuelle Trends in der Biotechnologie zu verfolgen und sich ein offenes Ohr für die Stimmung "draußen" zu verschaffen. "Besonders faszinierend ist der intensive Kontakt mit vielen renommierten Wissenschaftlern, deren große Namen ich früher lediglich aus Fachzeitschriften kannte. In meiner jetzigen Position ist es relativ einfach, auf die fachliche Expertise dieser Wissenschaftler zurückzugreifen. Es kommt selten vor, daß man als Mitarbeiter des BMBF am Telefon abgewiesen oder als Gesprächspartner ignoriert wird. Das ist ja auch nicht weiter verwunderlich...", sagt Rosita Cottone mit einem Lächeln. Dieses Feedback gilt es dann so zu verwerten, daß im Einklang mit förderpolitischen Interessen des BMBF ein entsprechendes Konzept erarbeitet wird. Dieses Konzept kann entweder als Grundlage für eine Fördermaßnahme dienen, oder aber auch andere weitreichende Schritte bis hin zu neuen gesetzlichen Regelungen zur Folge haben.

Daß die Entwicklung neuer Förderprogramme mit viel organisatorischem Aufwand verbunden ist, hat Rosita Cottone während der Planung des neuen BMBF-Förderprogramms "Systembiologie" selbst erfahren. Systembiologie hat zum Ziel, komplexe Lebensprozesse (wie z.B. eine ganze Zelle) mit Hilfe von rechnergestützten Modellen besser verstehen zu können. Dabei versucht man die Flut an Daten, die im Rahmen verschiedener "-omics" Disziplinen anfallen, in einen sinnvollen Gesamtzusammenhang zu bringen. Das geht aber nur, indem Wissenschaftler aus verschiedenen Fachgebieten eng zusammenarbeiten und eine gemeinsame Sprache sprechen. Für die Praxis heißt das konkret: Experiment und Modellierung müssen "Hand in Hand" verlaufen. Nur so können zukünftig Modelle entwickelt werden, mit deren Hilfe sich Reaktionen eines biologischen Systems vorhersagen lassen. Für das neue, interdisziplinäre Förderprogramm stehen für die nächsten 5 Jahre insgesamt ? 50 Millionen zur Verfügung -- "eine große Menge Geld, mit der sich viel bewegen läßt" erzählt die Referentin nicht ohne Stolz.

Um ein solches Förderprogramm aus der Taufe zu heben, ist viel Vorarbeit notwendig. Im Falle der Systembiologie hat das BMBF einen neuartigen Lösungsansatz gewählt: Im Dialog mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen sollte ein neues innovatives Förderkonzept für die Biowissenschaften entwickelt werden. An vier Wochenendworkshops verständigten sich die Experten zunächst auf den Themenschwerpunkt Systembiologie, im weiteren Verlauf wurde der Rahmen des neuen Förderkonzepts festgeklopft.

"Zu Anfang mußten entsprechende Ansprechpartner aus Wissenschaft und Industrie ausfindig gemacht werden, Daten und Informationen aus dem In- und Ausland zusammengetragen und ausgewertet werden.", beschreibt Cottone. Im Dezember 2001 war das Ziel erreicht: Die Bekanntmachung "Systeme des Lebens - Systembiologie" wurde veröffentlicht. Der offizielle Startschuß der Initiative erfolgte Anfang März 2002 mit einer Informationsveranstaltung in Frankfurt, an der über 330 interessierte Gäste und potentielle Antragsteller teilnahmen. Nach dieser Warmlaufphase agiert das Ministerium nun mehr im Hintergrund, die wissenschaftliche Steuerung des Förderprogramms hat ein internationales Lenkungsgremium übernommen, das in seiner Tätigkeit von einem Projektkoordinator unterstützt wird. "Wir warten jetzt natürlich mit Spannung auf die Projektvorschläge der Arbeitsgruppen", sagt Rosita Cottone.

Auch die Kommunikation förderpolitischer Themen mit der Öffentlichkeit gehört zu ihren Aufgaben. Gerade in sensiblen Bereichen wie der Biotechnologie sind die zuständigen Fachreferate gefragt, Informations- und Aufklärungsarbeit für die Bevölkerung zu leisten. Mindestens genauso wichtig aber ist die Abstimmung unter den verschiedenen Referaten und Abteilungen innerhalb des Ministeriums. Es herrscht ein gewisser Wettbewerb um die verfügbaren Haushaltsmittel, deren Festlegung selbstverständlich mit größter Sorgfalt und Verantwortung erfolgt. Insbesondere wenn es um die Initiierung neuer finanzschwerer Förderprogramme geht, müssen verschiedenste Interessen berücksichtigt und gesellschaftliche Aspekte im Vorfeld diskutiert werden. "Da schadet es dann nicht, wenn Kolleginnen und Kollegen um die Bedeutung bestimmter wissenschaftlicher Themen wissen", meint die Referentin.

Bei der Frage, was die Tätigkeit im Labor und am Schreibtisch voneinander unterscheidet, muß die 31jährige nicht lange überlegen: "Zunächst einmal die komplizierten Verwaltungsprozesse, die sind für Wissenschaftler gewöhnungsbedürftig. Aber man lernt auch schnell, daß die Dienstwege Sinn machen. Ich habe die Freiheit der Forschung immer sehr geschätzt. Als Referentin muß ich mich aber mehr auf andere verlassen und kann nicht alles alleine machen." Trotzdem sei es möglich, teilweise eigenen Interessen nachzugehen, indem man in dem weiten Zuständigkeitsbereich eigene Schwerpunkte setze. "Wichtig dabei ist die Abstimmung nicht nur innerhalb des eigenen, sondern auch mit anderen Referaten und der Leitung des Hauses."

Beim Besuch von Veranstaltungen wird sich Rosita Cottone bewußt, daß sich ihre Rolle zumindest in der Wahrnehmung Anderer verändert hat: "Man tritt immer als Repräsentant des BMBF auf. Für viele bin ich "das BMBF" und nicht Frau Cottone. Und manchmal lassen Einzelne dann schon ihren Frust an mir ab." Trotzdem hat Rosita Cottone viel Spaß an ihrer Tätigkeit und bereut den Laufbahnwechsel nicht: "Als Referentin erschließe ich mir einen viel weiteren Horizont, als es in der Forschung jemals möglich gewesen wäre. Außerdem merke ich, dass das Produzierte Relevanz hat -- entweder in Form von Förderprogrammen oder wenn Informationen aus dem Referat in Redebeiträge der Ministerin mit einfließen."