Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist nach wie vor eines der wichtigsten Themen für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Außerdem wünscht die nächste Forschergeneration einen engen Dialog mit politischen Entscheidungsträgern. Dies wurde bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion in Bremen deutlich, die den Abschluß eines unter anderem von Science?s Next Wave geförderten Workshops ?Zukunftsdialog - Wege zu einer wissenschaftlichen Karriere" bildete. Neben den bereits angesprochenen Themen sind bessere Informationen über Nachwuchsförderung und Berufsmöglichkeiten, mehr Selbständigkeit und Verantwortung, die Verringerung von Abhängigkeiten und eine Internationalisierung der Ausbildung einige der Kernforderungen des Workshop-Abschlußberichtes*, der im Rahmen des Symposiums ebenfalls der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Zu dem zweieinhalbtägigen Workshop im Juni hatten das Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (MARUM) der Universität Bremen, der Stifterverband und Science?s Next Wave im Frühjahr Studierende und Nachwuchswissenschaftler aus ganz Deutschland eingeladen. Den 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde ausreichend Gelegenheit geboten, den derzeitigen Status Quo der deutschen Hochschulausbildung zu diskutieren und darauf basierend Szenarien für die Zukunft zu entwerfen. Die aus dem Workshop entstandenen Ideen wurden im Rahmen der Abschlußveranstaltung mit Vertretern der Wissenschaftsorganisationen sowie Bildungspolitikern aus allen im Bundestag vertretenen Parteien diskutiert. Der Bremer Wissenschaftssenator Willi Lemke (SPD) hatte die Schirmherrschaft für die Veranstaltung übernommen.

Für den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft kommentierte der Präsident Dr. Arend Oetker die von den Jungwissenschaftlern ausgearbeiteten Vorschläge und gab zu erkennen, daß der Bericht seiner Ansicht nach ?sehr interessante" Überlegungen beinhalte, die zukünftige Diskussionen befruchten könnten. DFG-Vizepräsident Prof. Helmut Schwarz, zuständig für den wissenschaftlichen Nachwuchs, verwies darauf, daß viele der Vorschläge zumindest für die DFG, z.B. in Graduiertenkollegs, bereits Standard wären.

Auch die Arbeit im Rahmen des Workshops hatte bereits als Ergebnis zutage gefördert, daß vielerorts in Deutschland positive Ansätze unternommen werden, die Situation von Studierenden, Doktoranden und Postdoktoranden zu verbessern. Am Beispiel der Graduiertenkollegs wird dies deutlich: nur etwa zehn Prozent der Doktoranden in Deutschland gehören Graduiertenkollegs an, so daß nach wie vor immenser Handlungsbedarf besteht.

Obwohl der derzeitige Bundestagswahlkampf seine Schatten hinterließ, war auch die anschließende Podiumsdiskussion von Sachlichkeit geprägt. Neben der Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung Ulrike Flach (FDP) und dem PDS-Bundestagsabgeordneten Prof. Heinrich Fink stellten sich die Bremer Bürgerschaftsvertreter Dr. Mario Käse (SPD), Jörg Jäger (CDU) und Hermann Kuhn (Bündnis 90/Die Grünen) den Fragen des Auditoriums. Obwohl die Meinungen zu einzelnen Punkten stark divergierten, waren sich die politischen Vertreter in einer Hinsicht einig: der Handlungsbedarf läge in erster Linie bei den Universitäten, nicht bei der Politik. Trotzdem forderte Flach in ihrer Funktion als Vorsitzende des Bundestagsausschusses die jungen Wissenschaftler auf, in einen aktiven Dialog mit der Politik einzutreten.

Kernforderungen des Abschlußberichtes

Die Schulen müssen neben allgemeinem Grundwissen vor allem Werkzeuge für das Studium vermitteln. Zudem müssen dort Räume geschaffen werden, in denen über den Unterricht hinaus Interessen und Fähigkeiten entwickelt werden können. Über die Vielfalt der Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten müssen Schüler aktueller und transparenter informiert werden, um das richtige Studium wählen zu können.

Im Studium müssen Schlüsselqualifikationen wie die Darstellung wissenschaftlicher Inhalte und Ergebnisse in Form schriftlicher Abhandlungen oder mündlicher Erläuterungen kontinuierlich weiterentwickelt werden. Anzustreben ist die frühzeitige Vermittlung späterer Arbeitsinhalte im Studium, um ein möglichst realistisches Bild des späteren Berufs zu erhalten. Deshalb sollten Praktika und Auslandsaufenthalte als fester Bestandteil in den Lehrplan integriert werden. Forschungstätigkeiten sollten möglichst frühzeitig in das Studium einbezogen werden. Für neue Abschlüsse wie Master und Bachelor müssen transparente Standards geschaffen werden, um die Effektivität, Bekanntheit und Akzeptanz zu erhöhen.

Ein standardisierter Evaluierungsprozess der Lehre ist notwendig, mit klar geregelten Konsequenzen. Ähnlich wie in der Forschung sollten offene Foren für die Lehre zur Beratung über Lehr- und Prüfungsinhalte, Didaktik, Lehrmaterialien, Kritik und Ergebnisse der Evaluierung eingerichtet werden.

Bereits frühzeitig im Studium sind umfassende Informationen über Zugangsmöglichkeiten zu wissenschaftlichen Karrieren erforderlich. Vorgeschlagen wird an den Universitäten die Einrichtung eines ?Karriere-Zentrums" für wissenschaftliche Laufbahnen mit individueller Beratung. Wichtige Informationen könnte auch bereits ein Fächer übergreifendes und bundesweites Informationsportal liefern. Flexible und unbürokratische Übergangslösungen vom Studium zur Promotion sind erforderlich mit der Möglichkeit der Vergabe kurzfristiger Übergangsstipendien, bis die Doktorandenfinanzierung einsetzt.

Die Grundlagen eines Promotionsverfahrens sollten in einem Promotionskontrakt zwischen Doktorand und Betreuer festgelegt werden. Auslandsaufenthalte sollten wichtiger Bestandteil der Doktorandenzeit sein. Eine Angleichung verschiedener Finanzierungen bezüglich Besoldung und Sozial- bzw. Rentenversicherung ist anzustreben. Vorgeschlagen wird eine stärkere Trennung von Betreuung und Begutachtung der Doktorarbeiten.

Zur Weiterqualifikation sollte Doktoranden eine Beteiligung an der Lehre ermöglicht werden. Sie sollten ferner angemessen an den Entscheidungsprozessen in den Instituten beteiligt werden. Die Attraktivität von Promotionen, insbesondere für ausländische Interessenten, muß durch klarere Rahmenbedingungen verbessert werden. Da die Qualifizierungsphase zeitlich häufig mit der Familiengründung zusammenfällt, muß die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wesentlich verbessert werden.

Die Eigenständigkeit von Postdoktoranden in Forschung und Lehre sollte erhöht werden durch klarere Rahmenbedingungen. Das Potential an Lehre könnte durch in der Forschung tätige, jüngere Wissenschaftler wesentlich erweitert werden. Zum besseren Informationsaustausch untereinander werden Foren für Postdoktoranden vorgeschlagen. Neben der wissenschaftlichen Weiterbildung sollte die Möglichkeit der Gewinnung von Zusatzqualifikationen bestehen.

Der Zugang zur Professur darf nicht nur über die Juniorprofessur erfolgen, sondern muß allen Nachwuchswissenschaftlern offen stehen. Die Befristung des Angestelltenverhältnisses, z.B. auf 12 Jahre, wird als hinderlich betrachtet. Jeder sollte selbst seinen eigenen Lebensweg und seine eigene wissenschaftliche Karriere gestalten und selber Anträge bei Fördereinrichtungen stellen dürfen. Wegen seiner Bedeutung für Lehre und Forschung an den Universitäten sollte der Mittelbau gestärkt werden. Um von den Erfahrungen der Industrie zu lernen und den Praxisbezug zu verbessern, muß die Durchlässigkeit zwischen Industrie, Verwaltung und Wissenschaft verbessert werden.

* Der Abschlußbericht ?Zukunftssymposium: Wege zu einer wissenschaftlichen Karriere" kann bezogen werden über die Universität Bremen,FB 5 - Geowissenschaften, Prof. Dr. Gerold Wefer, Klagenfurter Straße, 28359 Bremen oder per E-mail: gwefer@allgeo.uni-bremen.de.