?Roland, wir brauchen etwas Seegang hier oben." Der Befehl von der Schiffsbrücke wird umgehend umgesetzt. Schon beginnt das 228 Meter lange Containerschiff merklich zu schwanken. Kurz danach wird es auch noch plötzlich Nacht, so daß die Hafeneinfahrt in Warnemünde nur noch durch die roten und grünen Leuchtbojen gekennzeichnet. Glücklicherweise wird es aber schnell wieder hell, und auch die See beruhigt sich bald wieder. Wir passieren das Kreuzfahrtschiff ?Deutschland", das im Hafen liegt. Natürlich nur im virtuellen Hafen von Warnemünde, denn wir befinden uns in einem Schiffssimulator. Und der steht nicht in irgendeinem Freizeitpark an der Ostseeküste, sondern im maritimen Simulationszentrum Warnemünde ( MSCW), wo er wissenschaftlichen Zwecken dient.

Die weltweit einmalige Simulationseinheit gehört zum Fachbereich Seefahrt der Hochschule Wismar. Sie ist aber auch zugleich Bestandteil des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ( BMBF) geförderten InnoRegio-Projektes ? Maritime Allianz." Ziel der ?Maritimen Allianz" ist es, in einem Netzwerk vorhandene Kompetenzen im mecklenburgischen Ostseeraum zu bündeln, um unternehmensübergreifend zur Entwicklung und Herstellung komplexer maritimer Systeme und Dienstleistungen beizutragen, die ihre Anwendung unter anderem in den Bereichen Transport, Ernährung und Tourismus finden können. Ob klassischer Schiffbau, Sicherheitstechnik, Transportsysteme oder Offshore-Anlagen - in der Allianz sind eine Vielzahl von Facetten vertreten, die man mit Meerestechnologie assoziiert. Dazu gehört auch der Schiffssimulator zur Schulung von Seeleuten. Die Möglichkeiten reichen soweit, daß Kapitäne bereits trainiert werden können, während sich ihr Schiff in einer nahen Rostocker Werft noch im Bau befindet.

Fördermaßnahmen in Mecklenburg-Vorpommern

InnoRegios

Vier der 23 vom BMBF ausgewählten InnoRegios befinden sich in Mecklenburg-Vorpommern. Im einzelnen sind dies:

DISCO - Diabetes Informations- und Service-Center Online in Greifswald.

NUKLEUS - Netzwerk Präzisionsmaschinenbau mit ?Hauptsitz? in Parchim.

Kunststoffzentrum West-Mecklenburg mit Sitz in Wismar.

Maritime Allianz - Aufbau einer maritimen Allianz in der Ostseeregion, ebenfalls mit Sitz in Wismar.

Wachstumskerne

Maritime Safety in Rostock.

Eine neue Runde des Wettbewerbs ?Wachstumskerne" soll ausgeschrieben werden. Mehr Information hierzu gibt es beim Projektträger Jülich (PTJ).

?Auslöser" für die bislang erfolgreiche Netzwerkbildung an der Ostsee ist der 1999 gestartete InnoRegio-Wettbewerb des BMBF. Dieses speziell für die neuen Bundesländer aufgelegte Programm hat zum Ziel, die Basis für neue Arbeitsplätze zu legen. 23 InnoRegios wurden im Wettbewerb ausgewählt, davon alleine vier in Mecklenburg-Vorpommern. Bis zum Jahr 2006 sind im BMBF-Haushalt fast ? 470 Mio. für die Gründung von Netzwerken wie der ?Maritimen Allianz" in Ostdeutschland eingeplant. Dabei ist nicht die dauerhafte Förderung des Ziel, sondern vielmehr die Etablierung eines stabilen Fundaments für die jeweiligen zukunftsfähigen Kooperationsmodelle. Insbesondere die Forschungs- und Entwicklungleistungen der kleinen und mittelständischen Unternehmen sollen durch die InnoRegio-Initiative gefördert werden.

Während einer Besichtigung der Forschungszentren in Mecklenburg-Vorpommern betonte Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn kürzlich den Stellenwert der InnoRegios: ?Mit der Forschungsförderung schaffen wir die Basis für den Aufschwung in den neuen Bundesländern." Allerdings sind hierfür weitere Kraftanstrengungen notwendig: Trotz der BMBF-Förderung leidet die Wirtschaft im Osten Deutschlands in erster Linie daran, daß die deutschen Unternehmen lieber woanders investieren. Nur sechs Prozent der Aufwendungen der deutschen Wirtschaft in Forschung und Entwicklung entfielen auf Ostdeutschland, bemängelte Bulmahn.

Ein weiterer Standort in Mecklenburg-Vorpommern, der durch die InnoRegio-Initiative profitiert hat, ist das Parchimer Innovations- und Technologiezentrum ( PITZ), wichtiges Standbein der InnoRegio Parchim-Rostock-Wismar ( NUKLEUS). Schon zu DDR-Zeiten habe hier ein Schwerpunkt des Präzisionsmaschinenbaus gelegen, erläutert der NUKLEUS-Vorsitzende, Prof. Karl-Heinz Hirschmann. In der Zukunft wolle man die gewachsene Industriestruktur der Region zu einem expansiven, international anerkannten Standort auszubauen. Auch hier wird der Netzwerkgedanke wieder offensichtlich: mehrere kleine Unternehmen haben sich bereits im PITZ angesiedelt, das im Juni 2002 eröffnet wurde.

Neben der InnoRegio-Initiative wurde 2001 zusätzlich das BMBF-Programm ? Innovative Wachstumskerne" gestartet. Hierbei sollen ostdeutsche Innovationsinitiativen gefördert werden, die ihre Ideen gerne auf den Markt bringen möchten. Als weitere Fördermaßnahme wurden an Hochschulen und Forschungseinrichtungen der neuen Bundesländer 40 sogenannte Innovations- und Gründerlabore eingerichtet. Um die wirtschaftliche Verwertung von Forschungsergebnissen zu ermöglichen, wurde vom BMBF die Anschaffung zusätzlicher Ausstattungen gefördert. Im Gründerlabor ?Hochleistungsanalytik und Hochleistungskatalyse" des Instituts für Automatisierungstechnik an der Universität Rostock macht sich eine positive Grundstimmung schnell bemerkbar: bislang sind zwei Firmengründungen erfolgt, die Anzahl der geschaffenen Arbeitsplätze steigt. Insgesamt, so die Prognose, könnten durch die 23 InnoRegios im Osten Deutschlands bis 2006 fast 4.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Natürlich sind die positiven Effekte in der kurzen Zeit ihres Bestehens noch nicht meßbar, die Perspektive liegt in der langen Sicht.

Für qualifizierte Arbeitsplätze bedarf es allerdings auch einer kritischen Masse an wissenschaftlichem Nachwuchs. Übereinstimmend berichten Prof. Kerstin Thurow vom Gründerlabor in Rostock und Prof. Gustav Steinhoff vom Medizinischen Innovations- und Kompetenzzentrum Künstlicher Organersatz (MED-IKO) der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock, daß der Nachwuchs den Osten Deutschlands bislang noch nicht richtig wahrgenommen habe. Dabei gäbe es gerade hier an vielen Orten ideale Lern- und Forschungsbedingungen - neue Institute, gute Betreuungsverhältnisse. Auch der Fachbereich Seefahrt der Hochschule Wismar beobachtet bislang einen ähnlichen Trend: ?80 Prozent unserer Studierenden kommen aus den neuen Bundesländern, gerade 20 Prozent aus den alten Bundesländern und leider bisher viel zu wenige aus dem Ausland", berichtet Prof. Knud Benedict, Leiter der Koordinierungsgruppe des MSCW in Warnemünde. Bleibt aber die Hoffnung, daß erfolgreiche Initiativen wie die InnoRegios in naher Zukunft eine Trendwende einleiten können und junge Wissenschaftler entdecken, daß Mecklenburg-Vorpommern nicht nur aus touristischen Aspekten etwas zu bieten hat.