Die seit 1999 stattfindenden Wissenschaftsjahre haben es von Jahr zu Jahr schwerer: Jedesmal galt es bisher, die Erfolge aus den Vorjahren zu überbieten. Mit dem Jahreswechsel erfolgte in Berlin die "Staffelübergabe" vom Jahr der Geowissenschaften zum Jahr der Chemie. Deutschlands Chemiker werden es zur Auftaktveranstaltung am 29. Januar in Berlin schwerer haben als ihre Vorgänger, denn das Jahr der Geowissenschaften hat neue Zielmarken gesetzt: Mit über 2500 öffentlichen Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet war es das bisher erfolgreichste Wissenschaftsjahr.

250.000 Menschen besuchten allein die vier Zentralveranstaltungen in Berlin, Leipzig, Köln und Bremen. 117.000 Besucher hatte die Ausstellung auf dem Geoschiff, das ein halbes Jahr lang über die Wasserstraßen der Republik tourte. Zu den mehr als 2.500 regionalen Veranstaltungen kamen weit mehr als 750.000 Besucher. Der Erfolg zeigt direkte Auswirkungen auf die Geowissenschaften selbst. "Insgesamt verzeichnen wir einen starken Anstieg der Studierendenzahlen bei den Geowissenschaften in diesem Wintersemester", sagte Prof. Rolf Emmermann, Vorstandsvorsitzender des Geoforschungszentrums Potsdam während der Abschlußpressekonferenz. Allein in Berlin sei die Anzahl der Erstsemester im Vergleich zum Vorjahr um 50% angestiegen, so Emmermann. Weiterhin profitierten die Wissenschaftler auch von diesen Veranstaltungen, da die Vernetzung verbessert worden sei, fügte Emmermann hinzu: "Es ist ein völlig neues Wir-Gefühl entstanden."

Diese positiven Effekte möchte auch das Jahr der Chemie für sich einnehmen, insbesondere aufgrund ihrer Bedeutung für den Standort Deutschland. Die Chemiebranche ist der drittstärkste deutsche Wirtschaftszweig, über 400.000 Personen sind in Chemieunternehmen beschäftigt. Es verwundert also wenig, daß das neue Wissenschaftsjahr eine größere Einbindung der Industrie vorweisen kann. Allerdings, so Bundesministerin Edelgard Bulmahn anläßlich der Vorstellung der Themen, soll das Wissenschaftsjahr nicht zu einer Werbeveranstaltung der Chemieindustrie werden. "Das Jahr der Chemie soll auch dazu dienen, differenzierte Betrachtungsweisen zu erlauben, Konflikte anzuhören und Argumente auszutauschen", sagte Bulmahn. Daher sei die aktive Beteiligung z.B. von Umwelt- und Verbraucherorganisationen ausdrücklich erwünscht, so die Forschungsministerin.

Um die Bevölkerung für die Chemie zu begeistern, haben die Veranstalter BMBF, Wissenschaft im Dialog und die Trägerorganisationen ein großes Programm aufgefahren. Dabei steht der Spaß am Entdecken einer komplexen und faszinierenden Welt der Reaktionen und Prozesse im Vordergrund. Einen ersten Vorgeschmack auf die Veranstaltungen konnten fernsehbegeisterte Chemieinteressierte bereits Silvester gewinnen: Ein Kußwettbewerb auf einer Berliner Silvestergala, übertragen von SAT 1, sollte auf die Auftaktveranstaltung "Der Kuß - Magie und Chemie" ab dem 29. Januar in Berlin aufmerksam machen. Neben der Frage, was ein Kuß mit Chemie zu tun hat, wird sich diese Veranstaltung dem Themenkomplex "Körper, Gesundheit, Ernährung" widmen. Weitere Leitthemen für die zahlreichen Ausstellungen, Events und Veranstaltungsreihen sind "Der Stoff -- Materie und Chemie" sowie "Die Quelle -- Energie und Chemie."

Der Auftakt in Berlin wird zugleich der Startschuß für die "Trilogie-Chemie", drei über das Jahr verteilte Multimedia-Ausstellungen in einem Chemie-Showtruck, sein. Der Truck fährt als Info- und Show-Mobil durch die gesamte Republik und besucht neben Schulen und öffentlichen Einrichtungen vor allem auch so viel wie möglich regionale Veranstaltungen zum "Jahr der Chemie 2003", die er mit seinem technischen Equipment und umfangreicher Ausstattung für Info- und Entertainment aktiv unterstützen wird. Herzstück des Chemie-Trucks ist ein Chemie-Labor, mit dem zum einem auf der Bühne Experimentalvorführungen gezeigt werden, und wo zum anderen auch im Truck unter wissenschaftlicher Anleitung Experimente durchgeführt werden können. Den Höhepunkt des Wissenschaftsjahres wird wieder der Wissenschaftssommer bilden, der dieses Jahr vom 16. bis 22. September 2003 in Mainz stattfinden wird.

Die Idee zu den Wissenschaftsjahren geht auf die Initiative "Wissenschaft im Dialog" zurück, die von der Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn, dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und den großen Forschungsorganisationen 1999 ins Leben gerufen wurde. Die Jahre sollen die aktuelle Forschung transparenter machen und einen lebendigen Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit fördern. In jedem Jahr wird ein Wissensgebiet thematisiert. Im Jahr 2000 machte die Physik den Anfang, 2001 war das Jahr der Lebenswissenschaften.