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Wissenschaftlerpaare -- für Dominique Lattard (52) und Volker Schenk (57) nichts ungewöhnliches, schließlich sind sie miteinander verheiratet. Im Gegensatz zu "gewöhnlichen" Paaren aber liegt zwischen Lattard und Schenk eine größere Distanz -- im geographischen Sinne. Dominique Lattard ist Professorin für experimentelle und theoretische Mineralogie an der Universität Heidelberg, Volker Schenk Professor für Petrographie an der Universität Kiel. Nach ihrer französischen Promotion in der Geologie in Paris kam Lattard 1974 nach Deutschland, wo sie an der Ruhr-Universität Bochum, der RWTH Aachen, der Universität Kiel und der TU Berlin forschte, bevor sie nach der Habilitation 1996 in Heidelberg Professorin wurde. Seit November 2002 ist die zudem Frauenbeauftragte der Universität. Volker Schenk studierte Geologie in Gießen, Marburg und Göttingen. Nach der Promotion und der Habilitation an der Ruhr-Universität Bochum wurde er 1985 auf die Professur in Kiel berufen.

In Science's Next Wave berichten beide über ihre Erfahrungen als Doppelkarriere-Paar und Wochenendpendler.

Next Wave: Frau Professor Lattard, Herr Professor Schenk, wie lange führen sie ihre Fernehe schon?

Schenk: Wir haben 1983 geheiratet, und seitdem haben wir eigentlich immer an verschiedenen Orten gewohnt, mit Ausnahme einer kleinen Unterbrechung von 1986 bis 1988, als wir beide gemeinsam in Kiel waren.

Next Wave: Ihre Planungen sahen am Anfang ihrer Karrieren aber sicherlich anders aus?

Lattard: Natürlich, aber die Umstände haben immer wieder ergeben, daß unsere wissenschaftlichen Karrieren mit unterschiedlichen Orten verbunden waren. Ausgesucht haben wir uns das nicht.

Next Wave: Welche Strecke pendeln sie im Moment?

Lattard: Seitdem ich 1996 die Professur in Heidelberg angenommen habe, pendeln wir zwischen Heidelberg und Kiel.

Next Wave: Haben sie das Pendeln aufgeteilt?

Schenk: Die Strecke ist mehr als 700 Kilometer lang, deswegen fahren wir immer wechselweise, so daß jeder alle 14 Tage zum anderen fährt. Die einfache Zugfahrt dauert sieben Stunden, also hat jeder alle 14 Tage 14 Stunden Fahrt zu bewältigen.

Next Wave: Ist das nicht kräftezehrend?

Lattard: Nach so langer Zeit ist man natürlich daran gewöhnt. Ich kann auch sehr gut im Zug arbeiten, das klappt eigentlich ganz gut.

Next Wave: Wie kam es zu dem Dilemma, daß sie immer pendeln mußten?

Lattard: Am Anfang hat des Problem nicht bestanden. Wir haben uns 1974 in Bochum kennengelernt. Ich war damals als DAAD-Stipendiatin dort. Vorher hatte ich in Frankreich bereits promoviert und eine Assistentenstelle an der Université Pierre et Marie Curie in Paris. Als ich nach Bochum kam, war Volker zu dem Zeitpunkt gerade Doktorand. Mir hat das eine Jahr in Bochum sehr gefallen, nicht nur seinetwegen, sondern auch, weil das Arbeitsklima da sehr gut war. Als ich dann wieder in Frankreich zurück war, habe ich mich darum bemüht, eine Stelle zu bekommen und wurde Ende 1975 wissenschaftliche Mitarbeiterin in Bochum.

Schenk: Nachdem ich meine Dissertation beendet hatte, bekam ich eine Assistentenstelle in Bochum. Insofern lief zuerst alles ganz normal.

Lattard: Das Pendeln fing dann 1983 an, als meine Stelle in Bochum ausgelaufen war. Ich nahm dann eine Stelle an der RWTH Aachen an, während Volker sich gerade habilitierte.

Next Wave: Sind Sie diejenige gewesen, die zuerst gependelt ist?

Lattard: Ja, die Karriere meines Mannes hatte damals etwas Vorrang. Man muß auch dazu sagen, daß Frauen damals diskriminiert wurden und es deswegen wesentlich schwieriger war, Stellen zu bekommen.

Schenk: Das stimmt. Es war zum Beispiel gang und gäbe, Assistentenstellen nur an Männer zu vergeben. Frauen wurden allenfalls mit Drittmittelstellen "bedacht."

Next Wave: War das beginnende Pendeln ein Grund für die Hochzeit?

Lattard: Nein, das hat unsere Entscheidung höchstens minimal beeinflußt.

Next Wave: Nachdem sich die Zeit in Aachen und Bochum dem Ende neigte, haben sie dann versucht, wieder gemeinsam etwas zu finden?

Lattard: Das war schwierig. Wir hatten damals vereinbart, daß wir zuerst dort hingehen, wo der erste von uns beiden etwas findet. Und Volker hat unmittelbar nach der Beendigung seiner Habilitation den Ruf nach Kiel bekommen. Also ging ich zuerst mit nach Kiel, weil ich auch noch nichts gefunden hatte. Das war auch nicht einfach. Als einschneidendes Erlebnis ist mir übrigens eine Fachtagung in Erinnerung geblieben, bei der ein Kollege mir ernsthaft sagte, nachdem Volker den Ruf bekommen hatte, könne ich doch nun zu Hause bleiben. Das wollte ich aber ganz und gar nicht! Ich bin damals wirklich in ein Loch gefallen. In Kiel gelang es mir nur, einige Lehraufträge und einen Hospitantenvertrag zu bekommen, und ich wurde nie das Gefühl los, daß ich allenfalls geduldet war.

Schenk: Ich habe damals versucht, Dominique zu unterstützen, aber das wurde sehr argwöhnisch beobachtet, zumal es in meiner Arbeitsgruppe noch zwei weitere Paare gab. Eines dieser Paare hat die Problematik übrigens gelöst, indem sie sich heute eine Stelle teilen. Das war aber auch erst 1998 möglich, und bis dahin war es ein harter Kampf.

Next Wave: Hätte damals die Möglichkeit bestanden, daß ihre Frau eine Stelle am Institut bekommt?

Schenk: Das Institut wollte das nicht. Das hat auch mit der Konkurrenz der Arbeitsgruppen untereinander zu tun. Die Machtkämpfe sind nicht zu unterschätzen. Und selbst wenn Dominique aufgrund ihrer Schwerpunkte in einer anderen Arbeitsgruppe gewesen wäre, hätte man insgeheim doch unterstellt, sie würde mich unterstützen. Der Neid ist da schon eine große Triebfeder.

Next Wave: Die Zeit in Kiel war für Sie also frustrierend?

Lattard: Ja, auf jeden Fall. In Kiel hatte ich keine Chance auf eine Stelle, ich konnte mich auch nicht habilitieren, und wenn ich mich woanders bewarb, habe ich mehr als einmal zu hören bekommen: "Wenn ihr Mann in Kiel ist, dann kommen Sie ja doch nicht." Nach dieser sehr zermürbenden Zeit gelang es mir dann 1989, eine Stelle in Berlin zu bekommen. Es war eine auf ein Jahr befristete 2/3 BAT III-Stelle. Ich war ja schon promoviert und somit überqualifiziert, aber ich war glücklich, etwas gefunden zu haben und die dortigen Kollegen nahmen mich sehr herzlich auf. Als kurz darauf ein Frauenförderprogramm ins Leben gerufen wurde, wurde aus meiner befristeten Stelle eine C1-Assistentenstelle. Und das mit fast 40! Die Zeit in Berlin war sehr produktiv, meine Habilitation hatte ich mit 44 abgeschlossen, und dann kam auch gleich der Ruf aus Heidelberg.

Next Wave: Haben Sie noch Hoffnung, daß Sie doch noch eines Tages am gleichen Ort arbeiten können?

Schenk: Nein, ich glaube, wir haben uns jetzt damit abgefunden, daß diese Situation für den Rest unseres Berufslebens dauerhaft ist.

Lattard: Mich würde es aber durchaus reizen, auf eine halbe Stelle zu reduzieren, falls es diese Möglichkeit gäbe?

Schenk: ? was aber problematisch ist, da das wohl in der Wissenschaft eher unerwünscht ist. Es wäre auch nahezu unvorstellbar, daß wir uns eine Professur teilen. Solche Regelungen sind immer noch ein Tabu.

Next Wave: Wirkt sich die Erfordernis des Pendelns auf ihre Arbeitseinteilung aus?

Schenk: Selbstverständlich. Wir haben beide jeweils reine Arbeitswochen, und zwar wirkliche Wochen. Es ist nicht so, daß wir aufgrund des Pendelns zu sogenannten "DiMiDo"-Professoren geworden sind. Wenn ich nach Heidelberg fahre, dann ist das immer erst am Freitag um 16:39 Uhr.

Lattard: Das Wochenende versuchen wir uns dann schon freizuhalten, was uns in der Vorlesungszeit allerdings nicht so gut gelingt. Auch in der Woche brauche ich zumindest etwas Ablenkung von der Arbeit, so daß ich versuche, an zwei Abenden etwas anderes zu machen.

Next Wave: Und in der Woche kommunizieren sie dann per Telefon?

Schenk: Ja, wir telefonieren täglich. Da kann man dann die Arbeitstage verarbeiten, über Frust oder Probleme sprechen. Wir haben übrigens dabei den Vorteil, daß wir ziemlich ähnliche Tätigkeiten und Arbeitsumfelder haben und wir uns beide in den anderen sehr gut hineinversetzen können.

Next Wave: Könnten Sie heute eigentlich überhaupt noch für längere Zeit gemeinsam an einem Ort wohnen?

Schenk (lacht): Ja, das ist kein Problem.

Next Wave: Kann man dem Pendeln etwas Positives abgewinnen?

Schenk: Durch das Pendeln haben wir natürlich mehrere Städte kennengelernt, was uns anderweitig wohl verwehrt geblieben wäre.

Lattard: Im Zug trifft man natürlich auch häufig interessante Leute, auch andere Wissenschaftler, die ebenfalls pendeln.

Schenk: Es gibt nach unserer Erfahrung eine Menge Paare in der Wissenschaft, die pendeln. Wenn Sie also am Freitag nachmittag oder abend im Zug durch Deutschland fahren, können Sie sicher sein, viele Wissenschaftler anzutreffen.

Next Wave: Wie könnte man Ihrer Meinung nach die Situation für solche Doppelkarriere-Paare verbessern?

Lattard: Die Lösung der Probleme ist nicht so einfach, weil in Deutschland die Wissenschaftlerstellen ortsgebunden sind. Auch das hierarchische System an den Hochschulen verhindert eher Lösungen. Ich fände die Idee gut, portable Stellen zu schaffen. Der CNRS in Frankreich (das Äquivalent zur DFG - Anm. d. Red.) hat zum Beispiel Stellen geschaffen, die man mitnehmen kann. Die Stelle wird zwar an einem Ort bewilligt, man kann sich aber selbst aussuchen, wo man später damit hingeht. Und wenn man nun einen Partner oder eine Partnerin hat, die oder der an einen bestimmten Ort gebunden ist, dann geht man eben auch dorthin. Im Universitätsbereich würde das in Deutschland sehr nützlich sein, zumal ja ohnehin ein großer Mangel an Postdoc-Stellen herrscht.

Schenk: Man könnte zum Beispiel auch überlegen, Job-Sharing-Modelle aktiv zu unterstützen.

Next Wave: Was würden Sie anderen Personen, die in einer ähnlichen Situation sind wie Sie, raten?

Schenk: Es ist schwierig, generelle Tips zu geben, weil die Situationen ja individuell stark variieren. Man kann mit Sicherheit sagen: Für Paare, die sich gerade kennengelernt haben, ist die unsrige Situation sehr schwierig, da braucht es schon eine feste Bindung. Im nachhinein können wir aber beide mit Überzeugung sagen, daß wir uns wieder dafür entscheiden würden, beide in die Wissenschaft zu gehen.

Lattard: Auf jeden Fall. Heute wäre es vielleicht auch etwas einfacher, Beruf und Familie besser zu vereinbaren, denn das ist natürlich bei uns auch auf der Strecke geblieben, weil die Situation damals sehr schwierig war.

Next Wave: Wie wird ihre ungewöhnliche Situation im Freundeskreis aufgenommen?

Schenk: Wir kennen eine Menge anderer Paare, die auch in der Wissenschaft sind, so daß die Situation gar nicht als so ungewöhnlich betrachtet wird. Nur das Finanzamt findet uns wohl ungewöhnlich: Wir heben unsere Fahrkarten allesamt auf, denn manche können sich offensichtlich nicht vorstellen, daß unsere Ehe nicht nur auf dem Papier besteht.

Next Wave: Frau Lattard, Herr Schenk, vielen Dank für das Gespräch.