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Bisher hat alles gut geklappt für Stefan Schröder. Mit einem DAAD-Stipendium ging der Geologe vor zwei Jahren an das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT), vorher hatte er eine gute Stelle in der Schweiz. Doch so langsam beginnt es schwierig zu werden: "Meine Freundin hat jetzt ihre Doktorarbeit beendet und wir wissen nicht, wie wir unsere beiden Karrieren unter einen Hut bringen sollen", erzählt der 32-Jährige. Denn für ihn und seine Partnerin war von Anfang an klar: "Wir beide wollen Karriere machen." Stefan Schröder ist einer der vielen Nachwuchswissenschaftler, die in einem "Dual Career Couple" leben, einer Partnerschaft, in der beide ihre beruflichen Chancen nutzen wollen. Das ist in der akademischen Welt besonders schwer zu realisieren: Lange Qualifizierungsphasen, ungewisse Perspektiven und häufiger Ortswechsel machen diesen Paaren zu schaffen.

Auch Nicole Saenger kommt ins Grübeln, wenn sie über die nächsten Jahre nachdenkt. Bis 2004 ist die Bauingenieurin gut untergebracht. Sie hat eine von der DFG finanzierte Forschungsstelle an der University of Stanford und konnte die Förderung auf zweieinhalb Jahre strecken. Der Grund: Sie möchte nur 80 Prozent arbeiten, um mehr Zeit mit ihrem dreijährigen Sohn verbringen zu können. "Es war nicht so einfach für meinen Mann, mit uns in die USA zu kommen", erinnert sich Saenger. Der Informatiker konnte nach Verhandlungen mit seiner Firma eine Stelle in der amerikanischen Niederlassung ergattern, mußte jedoch seinen Arbeitsbereich wechseln. So weit, so gut -- doch was geschieht in zwei Jahren? "In Deutschland wird es kompliziert, wenn ich mich auf Professuren bewerbe. Also ist ein weiterer Standortwechsel vor programmiert", weiß die 34-jährige schon jetzt.

Kinder und Karriere

Bis vor kurzem mußten sich Universitäten oder Unternehmen hauptsächlich mit "klassischen" Paaren beschäftigten: Wurde ein Professor berufen, fand sich für die Studienrätin an seiner Seite gewöhnlich schnell eine Stelle. Doch diese Zeiten sind vorbei: "Wollen wir eine C4-Frau unterbringen, haben wir die größten Probleme, da ihr Mann meistens ebenfalls auf dieser Qualifikationsebene ist", sagt die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. Beiden eine Perspektive zu schaffen, ist an einer deutschen Hochschule so gut wie unmöglich. Und das gilt schon in der Qualifizierungsphase, für viele Paare auch die Zeit der Familiengründung.

Eine Langzeitstudie des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg macht den Zusammenhang deutlich. Nachwuchs im Kleinkindalter hält Akademikerinnen am stärksten von einer erfolgreichen Laufbahn ab. Denn die Vereinbarung von Familie und Beruf fällt vielen gut ausgebildeten Frauen schwer - kein Wunder, denn Deutschland ist in Sachen Kinderbetreuung nach wie vor Entwicklungsland. Die Vaterschaft bei gleichaltrigen Kommilitonen oder Doktoranden beeinflußt hingegen die Karriere kaum.

Damit finden sich immer weniger Nachwuchswissenschaftlerinnen ab. Judith Klein-Seetharaman hat mit 31 Jahren vor kurzem ihr erstes Kind geboren. Sie arbeitet als Biophysikerin an der University of Pittsburgh, ihr Mann hat eine Stelle an der Carnegy Mellon University in derselben Stadt. "Ich habe mich damals für Pittsburgh entschieden, um nach drei Jahren endlich wieder mit meinem Mann an einem Ort zu wohnen", sagt die Forscherin. Sie hat außerdem eine unbefristete Stelle am Forschungszentrum Jülich. Dort gibt es seit 1999 das Tenure-Track-Programm für Wissenschaftlerinnen. Das Vorbild stammt aus den USA, wo Nachwuchswissenschaftler zunächst eine befristete Professur erhalten, die nach erfolgreich bestandener Evaluation in eine Festanstellung mündet. Das Forschungszentrum in Jülich bietet jährlich drei Wissenschaftlerinnen eine Anstellung als Gruppenleiterin. In der Regel wird nach dem ersten Jahr entschieden, ob die Kandidatin eine unbefristete Stelle erhält. Ein Coaching- und Mentoring-Programm bereitet die Frauen auf die Übernahme von Führungspositionen vor. Solche Maßnahmen erleichtern die Karriere- und Familienplanung.

Die Kinderbetreuung wollen sich die Seetharamans teilen. "Unsere Arbeitszeiten sind flexibel und wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, unser Leben zu organisieren, ist sich die Wissenschaftlerin sicher. Sie möchte gern wieder nach Deutschland zurückkehren, allerdings nur, wenn es auch für ihren Mann eine interessante Stelle gibt. Dual Career Strategien werden somit auch zum Standortfaktor für den Hochschulstandort Deutschland. Wollen Universitäten hierzulande hoch qualifizierte Wissenschaftler rekrutieren, müssen sie eine Dual Career Policy entwickeln, darin sind sich die befragten Nachwuchswissenschaftler einig. Was für amerikanische Universitäten zum Standard bei Berufungsgesprächen gehört - nämlich das Einbeziehen des Partners - ist in Deutschland die Ausnahme. Doch auch in den USA ist das Angebot begrenzt: "Etwa 20 Prozent der amerikanischen Universitäten haben eine Dual Career Policy, wobei die Hälfte informell mit diesem Thema umgeht", hat die Sozialwissenschaftlerin Maresi Nerad von der University of Washington fest gestellt.

Das soll sich ändern: "Wir haben an unserer Hochschule einen Berufungsleitfaden entwickelt, damit das Thema Partnerkarrieren frühzeitig von der Kommission angesprochen wird", berichtet Jürgen Mlynek, Präsident der Humboldt-Universität Berlin. Auch sonst gibt es noch viel zu tun. "Amerikanische Universitäten vermitteln den Wissenschaftlern ein größeres Selbstbewußtsein. Es wird einem zu verstehen gegeben, wie stolz die Institution wäre, wenn man dort arbeiten würde. "In Deutschland hingegen soll man dankbar sein, wenn man eine Stelle bekommt", beschreibt Seetharaman ihre Erfahrungen.

Dual Career Couples stellen die gesamte deutsche Hochschullandschaft vor neue Aufgaben. Das gilt auch für die Berufungskommissionen: Sie scheinen noch nicht begriffen zu haben, daß es bei Neuberufungen um die Reputation ihrer Einrichtung geht und damit mittelfristig um die Konkurrenzfähigkeit auf dem deutschen und internationalen Markt.

Denn es sind die jungen Dual Career Couples, denen die Hochschul-Zukunft gehört.