"Was kommt denn nach der Diss? Willst du an der Uni bleiben?" Derartige Fragen waren für mich als Doktorandin kaum zu beantworten, denn meine langfristigen Berufsperspektiven lagen eher im Dunkeln. Nachdem ich meine Promotion vor einem dreiviertel Jahr abgeschlossen habe, ist die Klärung meiner beruflichen Zukunft jetzt wichtiger denn je. Als Teilnehmerin des universitären Programms "Mentoring in Wissenschaft und Wirtschaft" komme ich dabei in den Genuß einer nicht alltäglichen Form der Orientierungshilfe.

Quo vadis?

Baumschullehre, Studium der Landschafts- und Freiraumplanung, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrgebiet "Technisch-konstruktive Grundlagen der Freiraumplanung" am Fachbereich Landschaftsarchitektur und Umweltentwicklung der Universität Hannover, Promotion über "Baumwurzeln unter Verkehrsflächen". Mein Lebenslauf läßt Zielstrebigkeit erkennen. Dennoch folgte der Euphorie über den Doktortitel die Ernüchterung über die Jobaussichten. Die aufreibende Doppelbelastung aus Promotion einerseits und Mitarbeit in der Lehre und in der universitären Selbstverwaltung andererseits ließ mir wenig Zeit und Energie, um in der Endphase meiner Promotion einen reibungslosen Übergang in den nächsten Job anzubahnen. Daher hatte ich mich auf eine längere Postdoc-Orientierungsphase eingerichtet: Eine auf ein Jahr befristete, halbe Drittmittelstelle an der Universität sollten sowohl die Finanzen als auch ein ausreichendes Zeitpolster sichern und zugleich die Teilnahme am Mentoring-Programm ermöglichen.

Warum Mentoring?

Für eine Berufsorientierung mit System fühlte ich mich methodisch fit. Ich wußte, was ich wollte -- nämlich die Entscheidung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, die Entwicklung meines fachlichen Profils und die Konkretisierung meiner beruflichen Ziele bis hin zu einem Plan, wie diese zu erreichen sind. Was mir jedoch fehlte, war jemand, der diesen Prozeß kritisch begleiten und konstruktiv unterstützen würde. Das Mentoring-Programm bot die Chance, genau diese Form der Unterstützung zu erhalten: Der Mentee steht eine Mentorin oder ein Mentor mit persönlicher Berufserfahrung und individuellem Werdegang zur Seite. Davon versprach ich mir vor allem Hinweise für meinen eigenen Berufsweg, aber auch den Einblick in ein Berufsbild mit allen seinen Facetten. Der offizielle organisatorische Rahmen legitimiert die Mentoring-Beziehung. Dadurch erhoffte ich mir offene und kritische Anmerkungen, die sonst im Berufsleben in dieser Weise nicht geäußert werden. Außerdem sollten die zeitliche Limitierung des Programms und verbindliche Termine eine konstante, intensive und Ergebnis orientierte Auseinandersetzung mit meinen Berufsperspektiven fördern

Meine Mentorin

Als Doktorandin/Habilitandin war ich gefordert, bei der Bewerbung für das Programm Vorschläge einzureichen. Dies war nicht einfach, da ich mich weder für Wissenschaft oder Wirtschaft noch für einen bestimmten fachlichen Bereich entschieden hatte. Er oder sie sollte also Weitblick und eine neutrale Sichtweise haben. Außerdem wollte ich neue Impulse und ein offenes Feedback, was sowohl eine gewisse Kreativität als auch kommunikative Fähigkeiten voraussetzt. Um von ihren oder seinen beruflichen Erfahrungen lernen zu können, sollte er oder sie eine respektable Position bekleiden. Und natürlich sollte auch noch die Wellenlänge stimmen. Die Frage ob Mentor oder Mentorin war demgegenüber zwar weniger wichtig. Dennoch habe ich bevorzugt eine Frau gesucht, um auch solche Fragen zu diskutieren, die sich in männlichen Karrieren nicht stellen. Trotz meiner dezidierten Vorstellungen war die Suche nach einer geeigneten Persönlichkeit sehr erfolgreich. Meine Mentorin leitet die Personalentwicklung in einem mittelständischen Verlagsunternehmen und ist somit in einem mir fachfremden Bereich in der Wirtschaft tätig. Kennengelernt habe ich sie auf einer Firmenkontaktmesse der Universität Hannover.

Der Mentoring-Verlauf

Vor Beginn der inhaltlichen Arbeit legten wir im Tandem den organisatorischen Rahmen fest. Im Abstand von ca. vier Wochen vereinbaren wir Termine, die an der Arbeitsstelle meiner Mentorin stattfinden und meistens zwischen zwei und drei Stunden dauern. Die Gespräche werden von mir vor- und nachbereitet. Neben berufsstrategischen Überlegungen soll stets auch Raum für aktuelle Fragen bleiben, wie z. B. zum Umgang mit Konflikten, zum Knüpfen von Kontakten oder zur Gestaltung von Bewerbungen.

In der ersten Phase des Mentoring habe ich mit meiner Mentorin meine Fähigkeiten, mein Fachwissen, meine Werte und meine Wünsche an die Rahmenbedingungen diskutiert. Ihr offenes Feedback und die zielgenauen Fragen halfen, mir selber auf die Spur zu kommen und mehr Klarheit zu gewinnen. Da ich gerne wissenschaftlich arbeite und mein Profil hervorragend in den Hochschulbereich paßt, habe ich zunächst meine Perspektiven in der Forschung systematisch ausgelotet. Dabei wurde deutlich, daß es für mich unter den gegebenen Umständen kaum möglich sein dürfte, dauerhaft in der Forschung Fuß zu fassen. Die Beschäftigung auf befristeten Mitarbeiterstellen ist von Rechtswegen limitiert und für eine Professur fehlen mir die in meinem Fachgebiet wichtigen Praxisjahre. Ich habe mich daher entschieden, nach Ablauf meiner jetzigen Stelle die Universität zu verlassen. Ich würde aber nicht ausschließen, mich zu einem späteren Zeitpunkt auf eine Professur zu bewerben.

Daß sich in meinem Fachgebiet ein attraktives Angestelltenverhältnis in der Wirtschaft bieten wird, ist eher unwahrscheinlich. Konjunkturell herrscht seit Jahren Flaute. Ohnehin reißt man sich in der Praxis nicht gerade um Wissenschaftlerinnen. Grundsätzlich könnte ich mir auch gut eine Tätigkeit in einem fachfremden Kontext vorstellen. Da die Beschäftigung mit Bäumen und Gartentechnik aber nun mal meine Leidenschaft ist, überlege ich derzeit, wie ich meine Fähigkeiten und Spezialkenntnisse im Rahmen einer freiberuflichen Tätigkeit vermarkten kann. Der Wunsch, mein eigener Chef zu sein, begleitet mich schon seit der Schulzeit. Das Vorhaben erfordert jedoch eine Portion Mut und gute Ideen. Hier gibt meine Mentorin wiederum entscheidende Impulse: Als Fachfremde ist sie vor Betriebsblindheit gefeit und bringt stets frischen Wind in meine Überlegungen. Bis in zwei Monaten das Mentoring-Programm und sechs Wochen später auch mein Arbeitsvertrag endet, möchte ich meine Ideen konkretisiert und Möglichkeiten zur Realisierung überprüft haben.

Fazit

Die Arbeit mit meiner Mentorin ist für mich das Herzstück des Mentoring-Programms. Ebenfalls wichtig ist für mich der Kreis gleichgesinnter Frauen, um Erfahrungen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Ich will jedoch nicht verschweigen, daß das Mentoring ein hohes Maß an Engagement erfordert, zeitlich wie inhaltlich. Das hatte ich anfangs unterschätzt. Außerdem hatte ich zunächst ein mulmiges Gefühl, als Mentee Zeit und Aufmerksamkeit meiner Mentorin zu beanspruchen, ohne dafür eine adäquate Gegenleistung zu liefern. Doch vielleicht war gerade dies ein wichtiger Lernschritt für mich, denn Frauen kultivieren bisweilen eine wenig karriereförderliche Bescheidenheit. Dagegen hilft nur eins: Zugreifen! Mentoring war für mich ein Schritt in die richtige Richtung.

Mehr Informationen zum Mentoring-Programm der Universität Hannover gibt es hier aus der Feder von Christine Kurmeyer, die für das Programm verantwortlich zeichnet.