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Mein Studium absolvierte ich an der Universität Hannover und machte 1978 das 1. Staatsexamen für das Höhere Lehramt in den Fächern Biologie, Anglistik und Philosophie. Von meinen Interessen her hätte ich lieber an einem Diplom-Studiengang im Fach Biologie teilgenommen, doch meine Muskelschwäche ließ keine lange stehende Tätigkeit zu, die in Form von Laborpraktika hier angefallen wäre. Die ganze Studienzeit war geprägt davon, möglichst ökonomisch mit meinen Kräften umzugehen und stets nach dem Motto handelnd, mit möglichst wenig Aufwand Maximales zu erreichen.

Nach dem Staatsexamen entschloß ich mich, im Fach Biologie in der Fachrichtung Botanik zu promovieren. Unterstützt durch eine Laborfachkraft und einem Barhocker konnte ich im Labor zumindest halbtags arbeiten. In den fünf Jahren am Institut für Botanik merkte ich allerdings bald, daß für mich eine solche einseitig ausgerichtete naturwissenschaftliche Denkweise nicht so mein Ding war. Es fehlte mir das philosophische Denken und die Diskussion darüber, daß die modellhaften, theoretischen Konstruktionen in der Biochemie wahrscheinlich nicht die ganze Wahrheit sind und wir uns in unserem Streben nach Sicherheit allzu gerne an möglichst festen Gerüsten fest halten wollen.

Aus der Erkenntnis an der für mich ungesunden Arbeit im Labor im Umgang mit giftigen Chemikalien und radioaktiven Substanzen kam der Entschluß, mich vermehrt ökologischen Themen widmen zu wollen. So gelangte ich schließlich 1990 zum Zukunftsinstitut in Barsinghausen am Deister, wo ich mich mit Projekten und Themen über den ökologischen Landbau auseinander setzte. Diese Arbeit hat mich sehr ausgefüllt und mir sehr viele Anregungen gegeben. Hier kam ich erstmals in Kontakt mit den Naturtheorien von Rudolf Steiner und Wilhelm Reich. Beide galten zu ihrer Zeit eher als Außenseiter in der Wissenschaft, aber ich war von ihren Theorien fasziniert.

Am Zukunfts-Institut versuchte man solche Theorien mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild zu verbinden, in Form einer sog. "nachmaterialistischen Naturwissenschaft". Über solche Denkmodelle sollte ein Verständnis für die Wirkungsweise in der Akupunktur, Homöopathie und auch im biologisch-dynamischen Landbau gewonnen werden. All diese Phänomenen scheinen vom Wirken der Lebensenergien abzuhängen. Plötzlich wollte ich selber wissen, wie es eigentlich um meine eigene Lebensenergie bestellt ist. Gab es nicht vielleicht doch eine ganze Menge an Ängsten und Glaubenssätzen auch in mir selbst, die die Wahrnehmung des Lebendigen in der Natur und in mir selbst erschwerten?

In den folgenden Jahren nach 1994 ging ich durch verschiedene Psychotherapien und landete schließlich auch bei der Orgon-Therapie nach Wilhelm Reich. Langsam fing ich an, die Menschen um mich herum intensiver zu beobachten, und erkannte gerade bei einigen behinderten Kollegen starre Verhinderungsmuster, die es ihnen u.a. erschwerten, halbwegs erfolgreich tätig zu werden. Gerne schoben sie der Gesellschaft die Verantwortung für ihre Ausgrenzungen zu -- oft auch sehr berechtigt, aber vielleicht doch nicht immer. Oftmals gewann ich den Eindruck, daß es gerade sie waren, die in ihren Verhaltensmustern stecken blieben und ungern an sich selbst Veränderungen vornahmen. Ich glaube sagen zu dürfen, auch aus meiner eigener Erfahrung, dass viele Behinderte sich lieber verstärkt als "Schwellenabsäger" betätigen, bevor sie damit beginnen, den Blick kritisch auf sich selbst zu werfen. Zu einem solchen erfolgreichen "Schwellenabsäger" wurde ich durch meine aktive Mitarbeit in einer Arbeitsgemeinschaft für "verkehrsbehinderte" Menschen in Hannover. Aus diesen Aktivitäten gingen Forderungen an die Stadt hervor, die dazu führten, dass in Hannover sämtliche U-Bahnstationen mit dem Rollstuhl nachträglich zugänglichgemacht werden mußten. Auch wenn das Resultat dieser Arbeit positiv war, können solche Fortschritte schnell dazu führen, den kritischen Blick auf sich selbst zu vernachlässigen.

Die Folgen der Muskelatrophie traten in dieser Zeit immer deutlicher hervor. Der Stock als Stütze reichte oft nicht mehr aus, so kam der Rollstuhl immer häufiger zum Einsatz. Auch die Dosierung von Belastungs- und Entspannungsphasen mußte sehr bewußt vollzogen werden. Nach meiner Tätigkeit an dem Zukunftsinstitut, bei der ich auf Dauer den praktischen Bezug in meiner Arbeit vermisste, fand ich dann 1997 Anschluß an einer Forschungsstelle für ökologischen Landbau in der Eifel. Hier wurden in einem Zuchtgarten alte Landsorten von Getreide weiterentwickelt und an den Standort angepaßt. Über die Methode der Pflanzenregeneration habe ich viele Schriften verfasst und Versuche dokumentiert, zumeist von Zuhause aus. Angesichts der Brisanz, die die Gentechnik auf die Vielfalt der Sorten unsere Kulturpflanzen hat, wollte ich gern in diesem Bereich tätig werden und fand seit 2000 die Gelegenheit an einer sozial ausgerichteten Institution mit einer Gärtnerei, dem Werkhof in Dortmund, ein solches Projekt mit umzusetzen.

Das Thema Saatgut hat mich schon seit meiner Kindheit beschäftigt. Damals waren es die hohen Berge an Getreide, die in den Speichern des väterlichen Betriebes lagen. Später war es mein landwirtschaftlicher Betrieb, den ich jahrelang eigenständig verwaltete. Heute sehe ich in der Gentechnik eine große Herausforderung, über die ich versuche aufklärerisch tätig zu werden und mit anderen Leuten gemeinsam daran arbeite, Alternativen zu diesen technischen Veränderungen von Pflanzen aufzuzeigen.

Im Blick zurück auf meine Karriere als behinderter Wissenschaftler fällt mir auf, wie ich mich immer wieder geschickt in Nischen zurückzog -- vielleicht auch, um einer Konfrontation mit den "harten Jungs" aus den Naturwissenschaften auszuweichen -- vielleicht aber auch, weil es mir so gelang, einen Weg zu gehen, der abseits vom gesellschaftlichen Trend liegt. In dieser Abwendung von der Naturwissenschaft (von der reinen Biochemie) und in der Hinwendung zu einer Wissenschaft des Lebendigen liegt der rote Faden in meiner Biographie. Aber gerade in dieser Abwendung von der vorherrschenden Naturwissenschaft liegt nun für mich die Chance, neue alternative Wege im Umgang mit dem Saatgut in der Landwirtschaft aufzuzeigen -- denn vielleicht wird das Heutige bald zum Gestrigen werden.