Auch wenn Dorothea Pauls später einmal Kinder haben will: "Jetzt kann ich mir das einfach noch nicht vorstellen", sagt die 23 Jahre alte Chemiestudentin. "Ich möchte erst mal promovieren und ein paar Jahre arbeiten."

So wie Dorothea denken viele Studierende: Drei Viertel der Studierenden haben Kinder fest in ihrem Lebensentwurf eingeplant, aber erst später. Mädchen und junge Frauen sind heute ehrgeiziger und selbstbewußter. Berufliche und private Ziele stehen bei Studierenden gleichermaßen hoch im Kurs. Das geht aus der Online-Umfrage "Studentische Lebensentwürfe" des Hochschul-Informatins-Systems in Hannover hervor, an der über 1700 Studierende teilgenommen haben. Aber wie wollen junge Menschen Familie und Beruf später vereinbaren?

Sicherer Job geht vor

"Anerkennung im Beruf" und "das Leben genießen" sind den Studierenden am wichtigsten. Der Kinderwunsch wird erst an fünfter Stelle genannt. Jeder dritte möchte das erste Kind erst bekommen, wenn er oder sie einen sicheren Arbeitsplatz haben. Für Männer ist dies wichtiger als für Frauen: Sie wollen der Familie als Hauptverdiener zur Verfügung zu stehen. Frauen sehen in der ersten beruflichen Erfahrung eine Grundlage für ihren beruflichen Wiedereinstieg nach einer Familienpause.

Nur mit viel Mühe sind Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das sieht Dorothea bei ihrer älteren Schwester Isa, 36, die oft nachts, wenn die beiden Kinder (zwei und vier Jahre alt) im Bett sind, wieder am PC sitzt. Wenn es später im Berufsleben so kompliziert ist, warum nicht schon die Kinder während des Studiums einplanen?

Sechs Prozent der Studierenden hat bereits Nachwuchs. Studentinnen mit Kind bereuen ihre Entscheidung nicht; 97% würden es noch mal so machen. Die meisten der Befragten glauben nicht, daß das Studium der ideale Zeitpunkt für das erste Kind ist. Als Gründe nennen sie das geringe Betreuungsangebot, die schlechte finanzielle Absicherung und das mangelnde Verständnis von Dozenten und Kommilitonen. Manche empfinden sich selbst als noch zu jung und unerfahren, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Andere wollen nicht auf Parties verzichten und lieber ausschlafen können. Der Kontakt zu Kommilitonen ist ihnen wichtiger als ein trautes Familienleben. Ein Sechstel der Studierenden hat sich noch keine Gedanken zum Thema "Kinder kriegen" gemacht.

Am liebsten selber Babysitten

Streben Studierende heute noch immer eine klassische Rollenverteilung an? Eher traditionell sind die Vorstellungen der Studierenden, wie sie Familie und Beruf dann unter einen Hut bringen wollen: Studentinnen und Studenten bevorzugen das Phasenmodell, daß sich die Frauen deutlich stärker aus dem Berufsleben zurückziehen sollten als ihre Partner.

Vor allem in den ersten drei Jahren knapp 40 Prozent der Studentinnen nicht berufstätig sein oder studieren. Die Hälfte der Befragten möchte in dieser Zeit am liebsten Teilzeit arbeiten. Ist das Kind im Grundschulalter, wollen 46 Prozent wieder arbeiten. Knapp die Hälfte der Männer zeigt sich jetzt bereit, später Teilzeit zu arbeiten.

Was tun?

Um die Situation zu verbessern, könnten auch die Hochschulen nach Ansicht der Befragten einiges verbessern. Mehr als die Hälfte wünscht sich bessere Kinderbetreuung mit flexibleren Öffnungszeiten, die an die Zeitspanne der Lehrveranstaltungen angepaßt sind.

Geht alles gleichzeitig?

Karriere und Familie schließen sich bei den meisten jungen Menschen nicht mehr aus, sondern sind zwei gleichberechtigte Lebensziele. Wenn es soweit ist, wollen sie auch genug Zeit haben.

Das Klischee der jungen Single-Karrierefrau hat ausgedient, wie eine Studie der Unternehmensberatung Accenture "Frauen und Macht" zeigt: Fast zwei Drittel (64%) der befragten Karrierefrauen sind entweder verheiratet oder leben in einer festen Partnerschaft, 44% haben Kinder, eine knappes Viertel (21%) ist derzeit alleinstehend. Mit 78% verfügt die Mehrheit über einen Universitätsabschluß, davon haben 22% einen Doktortitel, einen MBA oder eine Professur. 98 Prozent aller männlichen Führungskräfte haben Kinder. Da überrascht es den Leser nicht, daß die Unternehmensberatung das Einrichten von Kindertagesstätten als wichtigste Strategie nennt, um den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen. Eine geeignete Infrastruktur gilt daher als Schlüssel für einen höheren Anteil von Frauen in Führungspositionen.

Länder, in denen der Anteil von weiblichen Führungskräften hoch ist, haben auch eine hohe Geburtenrate - und umgekehrt. Deutschland bildet mit durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau das europäische Schlußlicht und hat mit 27 Prozent einen vergleichsweise niedrigen Anteil an weiblichen Führungskräften. In Frankreich dagegen bringt eine Frau durchschnittlich 1,7 Kinder zur Welt, der Anteil an weiblichen Führungskräften liegt hier bei rund 35 Prozent. Kind und Karriere wird somit nicht mehr zur "Entweder-oder Entscheidung", sondern wird selbstverständlich in gleichem Maße angestrebt und erreicht.

Den Spagat zwischen Familie und Beruf will sich Dorothea noch nicht antun und genießt es erst einmal, in den Semesterferien weit weg zu reisen und Praktika zu machen. Was die Zukunft betrifft, ist Dorothea optimistisch: "Bis ich Kinder bekomme, gibt es dann hoffentlich bessere Kinderbetreuung und Ganztagsschulen."

Weiterführende Links

Hochschul-Informations System (HIS): Studie Studentische Lebensentwürfe (PDF)

Europäische Kommission: Women in Industrial Research 2003 Siehe hierzu auch Next Wave-Artikel

Accenture-Studie " Frauen und Macht" 2002

Shell-Jugendstudie 2002