Ein Buch über den Zustand der deutschen Wissenschaft rezensieren? Das mutet nach einer ziemlich langweiligen Lektüre mit vielen Fremdwörtern und keinem Ergebnis an. Aber falsch: schon das Titelbild von "Forschen auf Deutsch" von Siegfried Bär, welches eine Pipette zeigt, die einen Rollmops aufspießt, verspricht das Gegenteil. Auch der Untertitel ?Der Machiavelli für Forscher' verrät nach einem Blick in den Duden (Machiavellismus = machtpolitische Skrupellosigkeit!), daß es sich bei diesem Buch um eine interessante Abhandlung zur deutschen Forschung handelt. Und in der Tat -- es war ein Lesevergnügen!

Das Buch gliedert sich in sechs durchweg frisch formulierte Kapitel: zunächst erfolgt eine detaillierte Beschreibung des gesamten "Glückspiels" -- die Vorstellung der Spieler, der Verlierer (Hiwi, Diplomand, Doktorand, Postdok), der Gewinner (die Professorenpersönlichkeit in ihren vier Ausprägungen der Magnat, das Glückskind, der Papi, die Chefin), des Spieles Sinn (Paper, Autorenliste, wissenschaftliche Zeitschriften), die Spielregeln (Antrag, Rede, Seilschaften, Habilitation) und das Spielfeld (das Labor, die DFG, ein Kongreß).

Anschließend versucht der Autor die Produktion und Leistung der deutschen Forschung im internationalen Vergleich zu bestimmen. Und obwohl er selbst Indikatoren wie z.B. die Zahl der veröffentlichten Paper, die Häufigkeit mit der ein Paper zitiert wird oder auch die Anzahl der Nobelpreisträger aus einem Land als unzureichend und zweifelhaft beschreibt, nutzt er genau diese Maßstäbe, um die akademische deutsche Forschung als mittelmäßig, aber dafür umso teurer zu bewerten.

Im folgenden Kapitel versucht sich Siegfried Bär an einem Vorschlag, die derzeitigen Verhältnisse in der deutschen Forschung aufzubrechen und zu verbessern, z.B. durch die Abschaffung der Habilitation oder der leistungsbezogenen Beurteilung von Forschungsgruppen mit Hilfe des Paperausstoßes. Gleichzeitig warnt er hier vor einer Amerikanisierung der deutschen Forschung: der harte Wettbewerb um Gelder und dem Prestige der Universitäten untereinander in den USA führt dort zu einer immensen Zeitvergeudung durch das Beantragen von Forschungsgeldern. Auch hier dient der Paperausstoß pro Labor als irrwitziger Indikator, um weiter existieren zu können ("get grants or get out").

Dazu passend beschreibt Bär als nächstes die ?große Reform' der Universität ("Edelgard packt zu!"). Dabei gibt er nicht nur eine ausführliche Beschreibung der Entstehung, sondern der Leser erhält auch einen tiefen Eindruck in das Leben und die Biographie ausgewählter Kommissionsmitglieder. Hängengeblieben ist da bei mir der Biologe Gerhard Neuweiler, zu dessen Lieblingsbüchern "Dr. Katzenbergers Badereise" von Jean Paul zählt. Ein Buch über einen Anatomieprofessor, der Mißgeburten sammelt, welches ich in der 8. Klasse lesen mußte und nie dachte, daß es mir je wieder über den Weg laufen sollte!

Abschließend gibt der Autor ein paar Weisheiten von Machiavellis Lehren und seine eigenen zum Besten, um dem Leser kurz und knapp durch einen Kosten-/Nutzenrechnung und viele kleine Regeln, den Weg zum Professor leichter zu gestalten. Neben Erklärungen zu sehr biologischen Begriffen, die in dem Buch genannt werden, findet sich am Ende des Buches noch ein kleiner ?Atlas der psychischen Erkrankungen des Deutschen Forschers'. Kleine Zeichnungen und ein angenehmes Layout verdeutlichen hier die schwerwiegenden Krankheiten, die einen Forscher befallen können -- die Antragspsychose, der Ödipus-Komplex, der Professorenwahn und das Wichtelsyndrom. In den meisten Fällen sind die Therapien bisher übrigens nicht bekannt oder enden mit einem Ausscheiden aus der akademischen Forschung.

Der Verfasser des Buches ist ein ?Insider' der deutschen Wissenschaft: er war Postdok im Bereich Biochemie/Biologie. Dieser wissenschaftliche Hintergrund zieht sich auch durch das ganze Buch: immer wieder Beispiele aus dieser Wissenschaftsrichtung, so zum Beispiel (mein persönlicher Favorit!) der "akademische Stoffwechsel." Dieser ist ein Schema, welches auf (selbst für Nicht-Naturwissenschaftler) verständliche Art den deutschen Weg eines Studenten zum Professor beschreibt.

Zum Beispiel gelangen ?habilitierte Substrate', denen ein ?Promoter' fehlt in einen ?Reduktase-Vorgang', der sie arbeitslos werden läßt, so daß sie sich als ?freie Radikale' im System wiederfinden lassen. Gleiche Substrate können allerdings auch durch einen ?C4-gesteuerten Kanal' mit einem ?Selektivitätsfilter', dessen Mechanismus noch unbekannt ist, von ?draußen' nach ?drinnen' kommen. Sind sie ?drinnen', können mehrere Reaktionen ablaufen, in denen sie über die ?C2-Position' zu einem C4-Professor werden können. Einige wenige finden sich dann durch einen ?angeregten Zustand' als Direktor eines Max-Planck-Institutes wieder. Da man bekanntermaßen auf diesen Pöstchen weniger forscht als Kaffee in wichtigen Komitees trinkt, fließt Langweile in das System, welches zu Kalkablagerungen führt. Letztlich wird dieser dann als Emeritus von ?drinnen' in eine benachbarte Speicherzelle ausgeschieden.

Dieses Buch sticht aus allen Büchern auf dem Markt heraus, die einem Studenten, Doktoranden oder Assistenten zu besseren wissenschaftlichen Veröffentlichungen oder Wissen auf dem einen oder anderen Forschungsgebiet verhelfen. Hier wird Klartext gesprochen, was ein Forscher heutzutage in der deutschen Forschungslandschaft wirklich braucht: und das ist eben nicht unbedingt Fleiß und ein unbezahlbar großes Wissen, sondern eher die Fähigkeit, sich in den machtpolitischen Kämpfen der akademischen Forschung zurechtzufinden und selbst zu seinem Besten mitzumischen.

Darüber hinaus dient es nicht nur als Leitfaden für angehende Forscher, sondern gibt auch einen tiefen Einblick in die manchmal ineffektive und kostenintensive deutsche akademische Forschung. Fazit: Ein empfehlenswertes Werk für jede/n angehende/n Forscher/in!

"Forschen auf Deutsch, Der Machiavelli für Forscher -- und solche, die es noch werden wollen" von Siegfried Bär, Verlag Harri Deutsch, 2002, 208S., ? 16,80 (ISBN 3-8171-1683-7).