Industrieforschung, Auslandsaufenthalte, Habilitationszwang: Alternativen und Hindernisse halten junge Wissenschaftler von einer akademischen Laufbahn ab. Die DFG versucht mit ihrem "Aktionsplan Informatik" diesem Trend entgegenzuwirken. Ein Erfahrungsbericht.

Seit weniger als 3 Monaten bin ich Juniorprofessor der Informatik an der Humboldt-Universität zu Berlin und schon mitten im Universitätsalltag eines Professors angekommen. Das hehre Ziel, nach 2 Jahren in der Wirtschaft endlich wieder hauptberuflich zu forschen, mußte ich etwas verschieben. In den nächsten Monaten werde ich vor allem Vorlesungen, Übungen und Seminare vorbereiten, im Wintersemester werde ich sie halten, um dann - endlich - im Sommer etwas Freiraum zu haben und mein Forschungsvorhaben voranzubringen.

Aber ich will am Anfang des Weges beginnen, der mich hierher geführt hat. Kurz nach dem Mauerfall und kurz vor der Wiedervereinigung war Berlin eine attraktive Stadt, besonders für einen Zwanzigjährigen. Ich entschied mich für ein Wirtschaftsmathematikstudium an der Technischen Universitaet - nicht zu theoretisch, sondern Mathematik mit praktischer Anwendung. Berlin im Umbruch war voller Verlockungen und Wirren, ich verpasste prompt meine erste Vorlesung am Montag morgen um 8 Uhr.

Sieben Jahre später, nach Abschluß meines Studiums und just zu Beginn des Internetbooms, stand ich vor der Wahl der Start-up-Euphorie folgen und ein Unternehmen zu gründen oder doch lieber eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Weniger aus weiser Voraussicht denn aus Mangel an Risikobereitschaft folgte ich dem Ruf der Befriedigung, die ich schon bei dem Verfassen meiner Diplomarbeit empfunden hatte und landete als Doktorand in einem neuen, durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) eingerichteten Informatik-Graduiertenkolleg an der Humboldt-Universität. Und ich hatte eine gute Wahl getroffen: Die Betreuung und Unterstützung der wissenschaftlichen Arbeit in diesem Kolleg waren optimal. Alle Professoren der Gruppe waren mit den Arbeiten der Kollegiaten vertraut, gaben Hinweise und ermöglichten es mir so, tatsächlich innerhalb von drei Jahren die Promotion mit einer erfolgreichen Dissertation abzuschließen.

Frisch promoviert leistete ich meinen Beitrag zum Brain-drain, wenn auch nicht ohne Gewissensbisse. Ich bewarb mich mit Erfolg für eine Stelle als PostDoctoral Researcher (PostDoc) im Mekka für Informatiker - dem IBM Almaden Research Center in Kalifornien. Dort, in San Jose an der San Francisco Bay und mitten in einem Naturschutzgebiet, wird echte Grundlagenforschung betrieben. Neue Netzwerkarchitekturen werden entwickelt, einzelne Atome bewegt, Quantencomputer gebaut, Nano-Roboter zu Schaltzentralen arrangiert. Gleichzeitig wird in enger Zusammenarbeit mit Entwicklern die internationale Datenbankenforschung geprägt. Ein perfektes Umfeld also für die industrienahe Forschung mit klugen Köpfen aller Kontinente. Es war ein zutiefst befriedigendes Erlebnis, einmal nicht nur für das Bücherregal zu forschen, sondern zu erleben, wie die eigenen Ergebnisse innerhalb kürzester Zeit in Produkte und Patente einfließen.

Nach zwei Jahren spannender Arbeit stellte sich mir allerdings die Frage, ob ich gegenüber Deutschland ein Rücken-Kehrer oder Rückkehrer sein wollte. Ein verlockendes Angebot der DFG gab den Ausschlag. Der "Aktionsplan Informatik" der DFG, angelehnt an das Emmy-Noether-Programm, fördert junge Nachwuchsgruppen über einen Zeitraum von fünf Jahren mit der eigenen Stelle als Nachwuchsgruppenleiter oder Juniorprofessor, mehreren Mitarbeiter- und Studentenstellen und mit Sachmitteln. Die Wahl der Hochschule oder Forschungseinrichtung ist frei, vorausgesetzt die Aufnahme durch die jeweilige Organisation. Ich entschied mich, nach zwei Jahren Abwesenheit, an meine Alma Mater als Juniorprofessor zurückzukehren.

Juniorprofessoren an der Humboldt-Universität haben (fast) den gleichen Status wie ordentliche Professoren. Sie haben Lehrverpflichtungen (zunächst 4SWS, nach drei Jahren 6SWS), dürfen Mitarbeiter zur Promotion führen, genießen Forschungsfreiheit und werden, zumindest am Institut für Informatik, als ganz normale Professoren wahrgenommen. Dass die Situation fuer Juniorprofessoren nicht immer so gut ist, zeigt der Bericht "Die Juniorprofessur. Eine Bilanz ihrer Umsetzung" der "Jungen Akademie" (http://www.diejungeakademie.de/pdf/Juniorprofessur_Abschlussbericht_0703.pdf). Dort wird beispielsweise von einer Nicht-Weitergabe der genehmigten Fördermittel durch die Universitäten bei einem Drittel der Juniorprofessoren berichtet.

Im Aktionsplan bleiben nur fünf Jahre, in denen man sich als Professor bewähren muss und darauf hofft auf eine ordentliche Professur berufen zu werden. Ebenso wie zur Halbzeit-Evaluation des Juniorprofessors durch die DFG und die Universität gelten auch für eine Berufung in der Regel drei Kriterien als entscheidend: Gute Publikationen, erfolgreiche Lehre und ganz besonders die bewiesene Fähigkeit, Drittmittel einzuwerben. Gerade letzteres ist nicht zuletzt deshalb ein so beliebtes Kriterium, weil es leicht quantifizierbar und universell vergleichbar ist. Wer viele Drittmittel einwirbt hilft seinem eigenen Forschungsbereich weiter, hilft aber auch dem jeweiligen Institut, sich von anderen abzusetzen und hilft schliesslich der Universität ihren Erfolg zu belegen.

Habilitieren müssen angehende Professoren nicht mehr, manche haben es dennoch vor - die Unsicherheit über die ungeschriebenen Voraussetzungen für einen Ruf zu einer ordentlichen Professur ist noch groß. Trotz Festlegung im Hochschulrahmengesetz fürchten Juniorprofessoren, dass ohne Habilitation ihre Chancen an konservativeren Universitäten sinken. Ich halte es mit den meisten: Gerne ein "zweites Buch" schreiben, und wenn das dann zur Habilitation genügt: Umso besser.

Auch ohne den Zwang zur Habilitation bleibt weniger Zeit für das Forschen, als man sich wünschen könnte. In fünf Jahren eine relevante Menge an Mitteln von ausserhalb einzuwerden ist sehr zeitaufwändig, besonders, da man ja gerade erst mit der eigenen Forschung beginnt. Nebenbei müssen auch Stellenausschreibung dem Personalrat vorlegt werden, Gremiensitzungen verlangen meine Teilnahme, Möbel und Bücher sind zu bestellen, Räume freizukämpfen, Vorlesungen anzukündigen, Interviews zu geben, Vorträge zu halten, Urkunden zu beschaffen.

Dass man als Junior-Professor nicht wie "Senioren" auf altbewährte Vorlesungen und Foliensätze zurückgreifen kann, kostet zwar ebenfalls viel Zeit, bietet aber den Vorteil wirklich neue Vorlesungen konzipieren zu können. Wenn möglich sogar solche, die "alte Lehrstrukturen aufbrechen", wie ein Student mich neulich aufforderte.

Eigentlich wollte ich doch "nur" forschen, Neues entwickeln, Studenten und Promovenden begeistern! Nun ja, ich bin guter Dinge und die Zeit wird sich schon finden. In jedem Falle haben mir die ersten zwei Monate meines Professoren-Daseins gezeigt, dass die Entscheidung an die Universität zurückzukommen die richtige war. Frei zu arbeiten in einer animierenden Umgebung mit engagierten Studenten ist sehr erfrischend und wird niemals langweilig.