I ngenieur Dr. Axel Sprenger, der Prototypen bei DaimlerChrysler testet, kann eine Promotion nicht ohne Einschränkung empfehlen.

Alles begann mit einem Motor. Erst der eines 30 Jahre alten Mopeds aus Nachbars Garage. Dann kamen Leichtkrafträder und später Autos hinzu. ?Aber kein Mofa-Motor?, wie Axel Sprenger mit Entschiedenheit betont. Ein Mofa hätte ihn nie interessiert. Doch an ?richtigen? Motoren rumzuschrauben, machte ihm als Jugendlichen großen Spaß. So kam er mit 14 Jahren auf die Idee, besagten Motor aus Nachbars Garage in sein Kinder-Kettcar einzubauen. Reparatur und Umrüstung verliefen erfolgreich, der erste Schritt zu einer Karriere im Automobilbau war getan.

Aufgewachsen ist der heute 36-Jährige in Lauf an der Pegnitz, einer Kleinstadt ca. 20 km östlich von Nürnberg. Näher als in die fränkische Metropole hatte es der promovierte Ingenieur, der heute mit seiner Familie in Stuttgart lebt, zum Haus seines Freundes Harald Völker. Der spätere THESIS-Vorsitzende wohnte nur 500 m von Sprenger entfernt. Beide gingen auf dasselbe Gymnasium, besuchten jedoch erst in der Oberstufe einige gemeinsame Kurse.

Nach dem Abitur schwankte Sprenger zwischen Technik und Ökonomie. Was sollte er studieren? Die guten Kettcar-Erfahrungen gaben schließlich den Ausschlag. Im Wintersemester 1988 schrieb er sich für Fertigungstechnik an der Universität Nürnberg-Erlangen ein. ?Das Fach hat mich interessiert, weil es eine Schnittstelle zwischen BWL und verschiedenen technischen Bereichen darstellt.?, so der Ingenieur. ?Fertigungstechniker sind die Generalisten unter den Maschinenbauern, die über alle Prozesse den Überblick behalten.? Die Breite des Studiums kam Sprenger entgegen. Ganz wohl fühlte er sich unter all den trockenen ?Halb-Maschinenbauern? dann aber doch nicht. ?Ich war nie ein Vollblut-Techniker?, gesteht er. Als Ausgleich belegte er Seminare in Regie, Improvisationskunst und Philosophie, arbeitete in der Bar eines kleinen Theaters und stieg dort zum Hauptkomparsen auf. Zu seinen erfolgreichsten Stücken zählt die ?Zauberflöte? in einer Marktplatzfassung von Emanuel Schikaneder. Die Inszenierung schaffte es auf Theaterfestivals im In- und Ausland und wurde in einer Fernsehfassung verfilmt.

Seine Diplomarbeit im Bereich Lasertechnik verfasste Sprenger im englischen Liverpool in Zusammenarbeit mit British Aerospace. Einer Promotion zeigte sich der frischgebackene Maschinenbauer nach elf Studiensemestern zunächst abgeneigt. Doch zwei Monate später kam alles anders. Ein Professor, der Sprenger bereits in England betreut hatte, schlug ihm ein Thema vor. ?Es waren mehrere Faktoren, die mich schließlich zur Promotion brachten?, erklärt er im Rückblick. ?Vor allem der gute Betreuer und das praxisnahe Thema waren entscheidend.? Noch heute kann sich Sprenger nicht vorstellen, eine theorielastige Arbeit zu verfassen. Die praktische Anbindung ist ihm sehr wichtig. Hinzu kam, dass die größte Rezession der Nachkriegszeit mit dem bis dahin stärksten Abschlussjahrgang zusammentraf. Die Arbeitsmarktlage sah also recht düster aus. ?Alle Unternehmen, die mich interessierten, verfügten einen Einstellungsstopp?, erinnert sich der Ingenieur. ?Also dachte ich: Lieber eine spannende Promotion, als einen langweiligen Job.? Sprenger promovierte vier Jahre über ?Adaptives Streckbiegen von Aluminiumprofilen?. ?Jedes Aluminiumstück, das sich biegt, federt zurück?, erklärt er die Grundzüge seiner Arbeit. ?Meine Aufgabe bestand in der Optimierung der Programme, die die Rückfederung des Metalls vorausberechnen.? Die Lösung lag in der Anwendung neuronaler Netze. Wie der Mensch Erfahrungen speichert und in instinktive Verhaltensweisen umsetzt, so kann auch der Computer die Aluminiumfederung anhand von Erfahrungswerten im Voraus bestimmen. Die Diplomarbeit, die von Audi finanzierte wurde, fand praktische Anwendung in der Zulieferindustrie.

Seine Entscheidung zu promovieren hat Sprenger nie bereut. Es sei keinesfalls ehrenrührig, sich in einer wirtschaftlichen Krise für ein Promotionsstudium zu entscheiden, so der Maschinenbauer angesichts der aktuellen Arbeitsmarktlage. Dabei hat der Ingenieur vor allem jene 90% der Promovierten im Blick, die ihr Geld nach der Promotion in der freien Wirtschaft verdienen. ?Eine Promotion ist eine erstklassige Vorbereitung für einen Management-Job?, erklärt er überzeugt. Man lerne Probleme schnell zu durchschauen, wichtige Informationen aus einer Vielzahl an Material herauszufiltern und das Gelesene auf einer Metaebene analytisch zu durchdenken:?Was ich bei meiner Dissertation gelernt habe, brauche ich heute täglich im Beruf: das Informationschaos auf das Wesentliche zu reduzieren, neu zu bewerten und neu zusammenzusetzen.

Dennoch: Ein Promotionsstudium würde Sprenger nicht jedem Absolventen ohne Einschränkung empfehlen. Wenn ein wirklich guter Job in greifbarer Nähe sei, rate er von einer Promotion ab. Denn jeder, der keine Universitätskarriere anstrebe, müsse sich fragen, welchen beruflichen Nutzen es bringe, vier bis fünf der besten Jahre seines Lebens für eine zeitaufwendige wissenschaftliche Arbeit zu opfern. Über eine wissenschaftliche Karriere seiner drei Monate alten Tochter macht sich Sprenger vorläufig keine Gedanken. Das Kind trägt allerdings ein hohes akademisches Risiko. Auch Sprengers Ehefrau, eine Juristin, ist promoviert. Beide wollen ihrer Tochter trotzdem mitgeben, dass die Promotion nicht die einzige Fahrkarte zum (beruflichen) Glück ist.

Mit THESIS kam Sprenger erstmals 1994 über eine Freundin in Kontakt. Ihn selbst reizt an dem Netzwerk nach wie vor der interdisziplinäre Diskurs. ?Zum Erfolg meiner Promotion hat THESIS wenig beigetragen, da ich an meiner Universität optimal betreut wurde?, erklärt der Ingenieur. ?Doch die Möglichkeit, über den eigenen Tellerrand zu blicken und etwas über die Forschungen anderer Fachbereiche zu erfahren, hat mich immer fasziniert.? 1995-1998 amtierte Sprenger als bayerischer Regionalleiter und stellvertretender Vorsitzender im Bundesvorstand. In diesem Jahr tritt er in den neu gegründeten Beirat ein. Aufgabe des Beirats ist es, den Vorstand zu beraten und bei der Fluktuation seiner Mitglieder eine Kontinuität in der THESIS-Arbeit zu gewährleisten. Sprenger sieht THESIS als Vertretung von Promovierenden und Promovierten, die sich jenseits politischer Klientel- und Gewerkschaftspolitik bewegt. Klientelparteien seien ausschließlich ihren Wählern, Gewerkschaften nur ihren Mitgliedern verpflichtet. Bei THESIS gebe es jedoch die Möglichkeit, jenseits der herkömmlichen Lobbyarbeit an einer politischen Meinungsbildung teilzunehmen. Positionen und Ergebnisse würden erarbeitet und seien nicht von vornherein festgelegt.

Nach der Promotion kam Sprenger über den Absolventenkongress Access mit DaimlerChrysler in Kontakt. Nach dem Einstieg in den Konzern über ein internationales Trainee-Programm arbeitet er heute als Führungskraft an der Optimierung von Prototypen. Nach den Jahren als Promovend und Einzelkämpfer genießt er die hochgradig vernetzte Tätigkeit im Mercedes-Entwicklungszentrum sehr. Entscheidend für seine Karriere war und ist die Promotion nach eigener Einschätzung aber nicht, man könne sie eher als eine Art Verstärker verstehen: Tritt man zu ?akademisch-verkopft? auf, wundere es keinen, nach dem Motto: ?Was will man von einem Promovierten ? noch dazu kein Schwabe! ? auch erwarten?? Im Normalfall werde einem ?Doktor? aber merkwürdigerweise gerne geglaubt. Dann heißt es: ?Haja, er ist ja auch promoviert ? der muss es ja wissen!?

This article was first published in THESE magazine, issue 53, March 2004 Reprinted with permission.